Nika Jonsson verbindet Jazz, schwedische Sagen, Natur und Erzählkunst zu begehbaren Klangwelten. Ein Porträt über eine Saarbrücker Musikerin, die sich nie für nur eine Ausdrucksform entscheiden wollte.

Es gibt Musikerinnen, die auf einer Bühne stehen und ihre Lieder spielen. Und es gibt Nika Jonsson. Wenn sie singt, öffnet sich ein Raum, in dem Wälder rauschen, Elfen auftauchen und schwedische Sagen plötzlich ganz nah wirken. Ihre Musik bewegt sich zwischen Jazz, Folk, Pop und nordischer Folklore – und entzieht sich doch jeder dieser Schubladen.

Viele ihrer Ideen entstehen tatsächlich im Wald. Dort dreht sie Musikvideos, entwickelt Geschichten oder sucht nach einem Ort, dessen Licht und Stimmung zu einer Melodie passen. Die Natur ist für sie keine hübsche Kulisse und schon gar kein Marketingkonzept. Sie ist Inspirationsquelle, Arbeitsraum und vielleicht so etwas wie ihr künstlerischer Kompass.

Wer Nika Jonsson begegnet, erlebt dabei keine entrückte Märchenfigur. Sie lacht viel, spricht ruhig und denkt nach, bevor sie antwortet. Ihrem eigenen Schaffen begegnet sie mit einer Bescheidenheit, die fast vergessen lässt, wie eigenständig ihre künstlerische Handschrift längst ist. Mit Projekten wie Trallskogen, dem Velvet Spiral Club und den beliebten Elfenwanderungen hat sie sich weit über Saarbrücken hinaus einen Namen gemacht.

Von Formeln, Freiheit und Jazz

Dass am Anfang dieses Weges ausgerechnet ein Mathematikstudium stand, überrascht zunächst. Nach dem Abitur besuchte Annika Jonsson, wie sie eigentlich heißt, einen Informationstag an der Technischen Universität Kaiserslautern. Mathematik interessierte sie, die Atmosphäre der Stadt gefiel ihr – also schrieb sie sich ein.

„Mathe war dann aber doch nicht das Richtige. Aber ich habe sehr lange gebraucht, um das zu merken“, erzählt sie heute. Weil sie das Fach durchaus mochte, brachte sie das Studium trotzdem zu Ende. Während Formeln und Beweise ihren Alltag bestimmten, zog es sie jedoch immer stärker zur Musik. Bei ersten Jam-Sessions entdeckte sie den Jazz und mit ihm eine Freiheit, die ihr eine neue Richtung wies. „Mit dem Kopf war ich damals längst in den Wolken“, sagt sie.

Ganz verschwunden ist die Mathematik aus ihrem Leben womöglich nie. Auch Jonssons Musik besitzt bei aller Verspieltheit eine klare innere Ordnung. Hinter den schwebenden Melodien stehen sorgfältig gebaute Arrangements; Improvisation und Struktur sind für sie keine Gegensätze. Vielleicht hat das Studium also doch Spuren hinterlassen – nur anders als erwartet.

2010 zog Jonsson nach Saarbrücken und begann an der Hochschule für Musik Saar Jazzgesang zu studieren. Dort veränderte sich nicht nur ihr musikalisches Können, sondern auch ihr Selbstverständnis. Bis dahin hatte sie vor allem in den Bands anderer Musiker gesungen. Eigene Stücke gab es zwar, doch sie blieben meist in der Schublade. „Erst hier in Saarbrücken hatte ich überhaupt den Mut, Songs zu schreiben und sie anderen zu zeigen.“

Aus der Sängerin wurde eine Komponistin, aus der Mitmusikerin eine Projektleiterin. Das bedeutete für sie allerdings nie, allein im Mittelpunkt stehen zu wollen. Fast alle ihre Arbeiten entstehen im Austausch mit Musikern, Schauspielern, Videokünstlern oder Naturpädagogen. Kunst, so scheint es, ist für Nika Jonsson vor allem Begegnung.

Die Sprache ihrer Kindheit

Viele ihrer Lieder singt Jonsson auf Schwedisch. Nicht, weil es exotisch klingt, sondern weil die Sprache zu ihrer Biografie gehört. Ihre Mutter stammt aus Schweden, ihr Vater aus Deutschland; aufgewachsen ist sie mit beiden Kulturen. Heute spricht sie Schwedisch vor allem noch mit ihrer Mutter. Umso wichtiger ist es ihr, die Verbindung zu bewahren. Hinzu kommt der Klang: „Schwedisch hat eine Satzmelodie, die von sich aus schon sehr musikalisch klingt.“

Mit der Sprache entdeckte sie nach und nach auch die schwedische Folklore. Sie reiste nach Stockholm, beschäftigte sich mit alten Sagen, Märchen und Volksliedern und stieß auf eine lebendige Szene, die Traditionen nicht museal konserviert, sondern in die Gegenwart übersetzt. Genau das faszinierte sie. Jonsson übernimmt diese Stoffe nicht einfach; sie macht sie zum Ausgangspunkt für etwas Eigenes.

So entstand Trallskogen, ein Musikmärchen, das schwedische Einflüsse mit Jazz, Pop und Jonssons erzählerischer Bildsprache verbindet. Ihre Lieder beginnen dabei selten mit einem Text. Am Anfang stehen meist eine Melodie, eine Stimmung oder ein inneres Bild. Die Worte kommen später und führen fort, was die Musik bereits erzählt.

Auch ihre Stimme versteht Jonsson nicht als Hauptdarstellerin, sondern als Teil des gesamten Klangs. Ein Erlebnis aus dem Studium wurde dafür prägend: Bei einer Big Band saß sie mitten im Saxophonsatz und sang eine Ersatzstimme. Fast verschwand sie zwischen den Instrumenten – und fühlte sich gerade deshalb am richtigen Platz. „Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich bin Teil der Musik.“

Dieser Gedanke prägt ihre Kompositionen bis heute. Sie will nicht möglichst laut oder spektakulär sein, sondern Klangräume schaffen, in denen jedes Instrument seinen Platz findet. Vielleicht erinnert ihre Musik deshalb manchmal an einen Film, der ohne Leinwand auskommt: Man hört nicht nur zu, man beginnt zu sehen.

Wenn der Wald zur Bühne wird

Am unmittelbarsten lässt sich Jonssons Kunst bei ihren Elfenwanderungen erleben. Sie beginnen ganz unspektakulär: mit einem Treffpunkt, einem Waldweg und einer Gruppe von Menschen. Dann taucht zwischen den Bäumen Musik auf, Figuren erscheinen, Geschichten entfalten sich. Kinder schauen plötzlich genauer hin – und Erwachsene nach einer Weile ebenfalls. Für einige Stunden scheint der Gedanke gar nicht mehr abwegig, dass hinter der nächsten Biegung tatsächlich eine Elfe leben könnte.

Die Wanderungen verbinden Live-Musik, Erzählkunst, Performance und Naturpädagogik. Sie wollen weder belehren noch klassisches Theater sein, sondern laden dazu ein, die vertraute Umgebung anders wahrzunehmen. Fantasie ist für Jonsson keine Flucht vor der Wirklichkeit. Sie ist eine Möglichkeit, genauer hinzusehen.

Gerade deshalb wirken die Inszenierungen nie kitschig. Die Geschichten werden nicht über den Wald gestülpt, sondern scheinen aus ihm heraus zu entstehen. Moos, Lichtungen, Wind und das Rauschen der Blätter liefern ohnehin alles, was eine gute Bühne braucht. Dass die Elfenwanderungen regelmäßig ausgebucht sind, verwundert kaum. In einer Zeit permanenter Erreichbarkeit schenken sie etwas Seltenes: Ruhe, Zeit und die Erlaubnis zu staunen.

Kunst ist Arbeit – und Zusammenarbeit

So märchenhaft die Ergebnisse anmuten, so pragmatisch beschreibt Jonsson ihre Arbeitsweise. Sie wartet nicht auf Eingebungen, sondern setzt sich hin und arbeitet – oder sie zieht mit Kamera und Instrument los in den Wald. Viele Musikvideos produziert sie dort weitgehend allein. „Ich gehe einfach los und suche einen Ort, der sich richtig anfühlt.“ Manchmal dauert es Stunden, bis das Licht stimmt; manche Szene muss immer wieder neu gespielt werden. Den Druck eines großen Filmteams vermisst sie dabei nicht. Allein kann sie ausprobieren, verwerfen und neu beginnen.

Trotzdem bezeichnet sie sich nicht als Filmemacherin. Dafür, sagt sie, arbeite sie viel zu gern mit anderen zusammen. Viele Ideen entwickelt sie mit ihrem langjährigen künstlerischen Partner Volker; andere wachsen im Austausch mit den Beteiligten eines Projekts. Zusammenarbeit ist für Jonsson kein organisatorisches Muss, sondern Teil des Werks. Kunst ist für sie Kommunikation, nicht Selbstdarstellung.

Auch ihr eigenes Label Nikasounds entstand weniger aus Karrierestrategie als aus Notwendigkeit. In ihrer Abschlussarbeit beschäftigte sie sich mit der Gründung eines Musiklabels – und fast gleichzeitig war das erste Trallskogen-Album fertig. Weil ein Label fehlte, gründete sie kurzerhand selbst eines. Bis heute ist Nikasounds bewusst klein geblieben. Wenn andere Musiker einen Labelcode oder Hilfe beim Vertrieb benötigen und sie von der Musik überzeugt ist, unterstützt sie sie. Große Versprechen macht sie nicht. Auch darin zeigt sich ihre Haltung: lieber ehrlich arbeiten als eine Karrieregeschichte inszenieren.

Ein Big Bang und viele Möglichkeiten

Stillstand passt ohnehin nicht zu Nika Jonsson. Zu ihren langfristigen Vorhaben gehört ein eigenes Big-Band-Programm, das den Titel „Big Bang“ tragen soll. Die Idee geht auf einen Arrangierkurs an der Hochschule für Musik Saar zurück. Dort schrieben die Studierenden eigene Arrangements, die anschließend gemeinsam mit der Polizei Big Band aufgeführt wurden. Für Jonsson wurde das Konzert zum Schlüsselerlebnis.

Am Big-Band-Sound liebt sie vor allem die Kraft, die entsteht, wenn Saxophone, Trompeten, Posaunen und Rhythmusgruppe zu einem Klangkörper verschmelzen. „Wenn die Tutti spielen, dann fliegst du weg.“ Mit klassischem Swing soll ihr Programm dennoch wenig zu tun haben. Sie denkt an moderne Klangflächen, Jazz, Pop und orchestrale Elemente – an Musik, die nach vorn blickt.

Die Größe der Besetzung schreckt sie nicht, sie reizt sie: Was können zwanzig oder dreißig Menschen gleichzeitig spielen? Welche neuen Räume lassen sich damit öffnen? Jonsson spricht dabei weniger über Organisation als über Möglichkeiten. Vielleicht ist das der rote Faden ihres Weges: Sie interessiert nicht nur das fertige Werk, sondern vor allem das, was während seiner Entstehung passieren kann.

Die Freiheit, sich nicht festlegen zu müssen

In einer Zeit, in der Künstler möglichst eindeutig positioniert sein sollen, ist Nika Jonsson ein wohltuender Gegenentwurf. Sie ist weder ausschließlich Jazzmusikerin noch Folksängerin, erzählt Geschichten, ohne Schauspielerin zu sein, dreht Bilder, ohne sich Filmemacherin zu nennen, und bringt Menschen die Natur nahe, ohne sich als Naturpädagogin zu verstehen. Sie entscheidet für jede Idee neu, welche Form sie braucht: ein Konzert, ein Musikmärchen, ein Video, eine Wanderung oder einfach ein Lied.

Gerade diese Freiheit macht ihre Arbeit so unverwechselbar. Jonsson folgt keinem Trend und bemüht sich nicht, größer zu klingen, als sie ist. Ihre Kunst lädt ein – leise, neugierig und ohne zu belehren. Kinder nehmen diese Einladung meist sofort an. Erwachsene brauchen manchmal ein paar Minuten länger. Dann hören auch sie genauer hin, betrachten den Wald aufmerksamer und entdecken zwischen zwei Akkorden, einem bemoosten Stamm und einer Lichtung plötzlich ihre eigenen Bilder.

Ob dort wirklich Elfen zwischen den Bäumen stehen, ist am Ende gar nicht entscheidend. Gute Kunst muss die Welt nicht verändern. Manchmal genügt es, wenn sie unseren Blick auf die Welt verändert. Nika Jonsson gelingt das auf eine ebenso leise wie nachhaltige Weise.

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