Warum das kleine Saarland im Badminton erstaunlich groß ist
Bundesligatitel, Nationalspieler, ein erfolgreicher Leistungsstützpunkt und mit den HYLO Open eines der bedeutendsten Turniere Europas: Das Saarland ist eine echte Badminton-Hochburg. Doch der Sport kämpft auch hier um Aufmerksamkeit, Nachwuchs, Hallenzeiten – und ziemlich teure Federbälle. Mark Weishaupt, Vorsitzender des BSC Ottweiler und Verbandsrichter des Saarländischen Badmintonverbandes, erklärt, warum Badminton hierzulande so erfolgreich ist, weshalb in Asien Millionen Menschen dafür auf die Straße gehen und was es braucht, um 35 Kinder in eine Ottweiler Sporthalle zu locken.
Badminton und das Saarland – das ist eine erstaunliche Erfolgsgeschichte. Der 1. BC Saarbrücken-Bischmisheim gehört zu den erfolgreichsten Vereinen Deutschlands, Saarbrücken ist seit vielen Jahren Leistungsstützpunkt und die HYLO Open bringen regelmäßig Weltmeister, Olympiasieger und Top-Ten-Spieler in die Saarlandhalle. Hinzu kommen traditionsreiche Vereine und eine engagierte Nachwuchsarbeit.
Trotzdem führt Badminton in der öffentlichen Wahrnehmung eher ein Nischendasein. Viele kennen den Federball vor allem aus dem Garten oder vom Freibad. Dabei haben das gemütliche Hin und Her auf der Wiese und der rasante Wettkampfsport kaum mehr gemeinsam als Schläger und Spielgerät. Zeit also, mit einem zu sprechen, der sich auskennt.
L!VE: Mark, Hand aufs Herz: Wie allergisch reagieren Badmintonspieler auf das Wort Federball?
Mark Weishaupt: Das kommt ganz darauf an, wer das Wort sagt. Badmintonspieler untereinander sagen auch gerne mal „Komm, wir gehen Federball spielen“ oder „Kommst du heute Abend zum Federball?“ Ich glaube, die Jungs, die es gut können, die sind völlig entspannt mit dem Begriff. Leute, die das eher so nicht so gut können, aber die brutal ehrgeizig sind, die finden Federball dann nicht ganz so witzig. Der Unterschied ist ja klar: Federball spielt man miteinander, Badminton spielt man gegeneinander. Beim Federball geht es darum, den Ball so oft wie möglich hin und her zu spielen. Beim Badminton darum, dass der Gegner den Ball eben nicht mehr bekommt.“
„Federball spielt man miteinander, Badminton spielt man gegeneinander“
L!VE: Badminton gilt als enorm schneller und körperlich anspruchsvoller Sport. Wie verletzungsanfällig ist er?
MW: „Es ist tatsächlich so, dass überraschend wenig Probleme auftauchen. Das liegt aber, glaube ich, einfach daran, dass du, wenn du es regelmäßig spielst, eine gute Grundkonstitution hast und dass in der direkten Vorbereitung zum Badminton die Erwärmung tatsächlich schon eine große Rolle spielt. Selbst im Kindertraining machen wir in unserem Verein beispielsweise 20 Minuten vorher Erwärmung und auch abwärmen.“
L!VE: Auf Wiesen und in Parks greifen viele Menschen zum Federballschläger. Vergleichsweise wenige zieht es aber in die Badmintonvereine. Täuscht dieser Eindruck?
MW: „Nein, das stimmt. Grundsätzlich liegt das, glaube ich, tatsächlich an der Entwicklung der Gesellschaft, dass halt immer weniger Leute bereit sind, in einem Verein irgendeinen Sport zu treiben. Was relativ gut geht, sind diese Badminton-Courts wie in diversen Centern, die du anmieten kannst. Die Leute bezahlen lieber 25 € für die Stunde, teilen sich das zu viert und gehen halt lieber einmal die Woche dorthin als in Vereine. Denn dort musst Du das Netz aufbauen, vielleicht auch abbauen. Du hast zwar die Möglichkeit, dich im Verein zu engagieren, aber vielleicht fühlst du dich dazu sogar gezwungen, am Vereinsleben teilzuhaben. Es gibt viele Leute, die das einfach nicht mehr wollen. Es ist tatsächlich bei einer gewissen Klientel mittlerweile so, dass sie dieses Gemeinschaftsding auch gar nicht mehr will, sondern die sind dann froh, wenn sie zu Hause sind. Ich glaube, dass einfach Arbeitswelt und Privatleben stressiger sind als noch vor 20, 25 Jahren. Aber es gibt natürlich auch immer noch die Leute, die ihre Erfüllung im Verein finden, dann abends nach dem Training nicht nach Hause fahren, sondern noch bis um halb elf vor der Halle zu stehen und Bier zu trinken. Das gibt es auch immer noch.“
L!VE: Zumindest die sportliche Infrastruktur scheint zu stimmen. Schließlich gibt es in Saarbrücken seit vielen Jahren einen Leistungsstützpunkt. Welche Bedeutung hat er für das saarländische Badminton?
MW: „Viele Sportarten profitieren vom Olympiastützpunkt oder vom Sportcampus an sich. Vor 25 Jahren wurde ein Bundesstützpunkt Badminton in Saarbrücken aufgemacht, und der hat sich seitdem gehalten, auch wenn oft mal die Disziplinen wechseln. Eine Zeit lang war mal Herreneinzel dort, seit einigen Jahren ist es grundsätzlich auch Herrendoppel und auch Mixed. Das hängt auch immer davon ab, welche Spieler gerade hier sind. Durch diesen Stützpunkt hat sich damals die Bundesliga mit dem TuS Wiebelskirchen und dem SSV Heiligenwald im Saarland sehr gut gehalten, weil dann einige Nationalspieler oder gute Spieler aus ganz Deutschland an den Stützpunkt kamen und sich saarländische Vereine ausgesucht haben, für die sie spielen konnten.“
L!VE: Wenn die Spieler extra hierher ziehen, stellt sich natürlich die Frage, ob die davon leben können?
MW: „Heute sicher besser als früher. Also ich sag mal, Marvin Seidel, aktuell der beste deutsche Herrendoppelspieler, der übrigens Saarländer ist, der kann sicher zweimal am Tag warm essen. Das ist aber auch oft eine Kombination – die Jungs und Mädels sind oft noch bei der Bundeswehr in der Sportfördergruppe, haben sich dort für einige Jahre verpflichtet und bekommen dann ja auch ihren Sold. In der Regel sind die eine gute Zeit des Jahres freigestellt, um ihren Leistungssport zu machen, müssen aber trotzdem ihre Grundausbildung machen, müssen zu Lehrgängen, sind dann auch mal vier Wochen weg, wenn es dumm läuft, auch mal vor einer WM oder so. Das ist jetzt also nicht so, als ob die da komplett einen Freifahrtschein machen und haben und machen können, was sie wollen.“
L!VE: Bei Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen schafft es Badminton gelegentlich ins Fernsehen. Ansonsten findet der Sport in den deutschen Medien kaum statt. Woran liegt das?
MW: „In Deutschland ist das tatsächlich sehr dünn. Die Gründe? Absolut keine Ahnung. Da ist so viel passiert in Sachen Kameratechnik und Präsentation, was die Turniere angeht, und es sieht am Bildschirm richtig geil aus. Was Frank Liedke, der Vorsitzende des 1. BC Bischmisheim, zum Beispiel mit den HYLO Open aus der Saarbrücker Saarlandhalle macht, ist unfassbar. So schick sieht die Halle das ganze Jahr über nicht aus. 2022 fand ja die Europameisterschaft hier statt, und ich könnte mir vorstellen, dass Liedke auch die WM mal ins Saarland holen möchte. Das ist ein dickes Brett, das zu bohren ist, aber wenn es einer schafft, dann ist das er.“
L!VE: Am Ende hängt also auch hier vieles am persönlichen Einsatz einzelner Badminton-Verrückter?
MW: Das ist es ja immer – der persönliche Einsatz. Wie bei Arno Schley, der ehemalige Bundesliga- und Nationalspieler, lange Jahre auch Vorsitzender des Saarländischen Badmintonverbands und heute noch Präsident des Deutschen Badminton-Liga-Verbands, der die Bundesliga organisiert. Es braucht unbedingt einen Badminton-Verrückten, der Kontakte hat, der jemanden kennt, der Geld hat, der vielleicht selbst Geld hat. Für das Geld, das beispielsweise Hylo in das Weltranglistenturnier in Saarbrücken steckt, bekommen die unglaubliche Kundenkontakte im acht-, neunstelligen Bereich in Asien. Billiger kommst du da nicht dran. Da ist esbeinahe egal, ob es dann 400.000 € Preisgeld oder 500.000 € gibt. Das ist Peanuts für das, was an Kontakten rauskommt..
L!VE: In Asien besitzt Badminton offenbar einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Ist der Sport dort sogar populärer als Tischtennis?
MW: „Teilweise schon. Beispiel Indonesien: Als Badminton olympisch geworden ist, 1992 in Barcelona, haben zwei Indonesier das Herreneinzel und das Dameneinzel gewonnen. Die waren auch noch ein Paar, schöner kann man es gar nicht haben. Als sie nach Jakarta zurückkamen, wurde ihnen zu Ehren eine Parade abgehalten, an der über eine Million Menschen teilnahmen. Das ist völlig irre, das kann man sich gar nicht vorstellen. Marc Zwiebler, als er bei Bischmisheim spielte, war ja auch in den Top Ten der Welt und Europameister. Er hat mir mal erzählt, dass er in China bei diversen Turnieren eigentlich nicht auf die Straße gehen konnte, ohne dass direkt 50 Leute um ihn rum waren. In den chinesischen Großstädten gibt es alle paar Häuserblocks Riesenhallen. Man macht die Tür auf, und es sind 20 Felder drin und da kannst du einfach reingehen und spielen. Das ist halt wirklich Wahnsinn.“
L!VE: Zurück ins Saarland. Ohne die entsprechende Präsenz in Medien dürfte es schwierig sein, Nachwuchs und neue Mitglieder für den Sport zu begeistern, oder?
MW: Manchmal ist es tatsächlich purer Zufall und liegt am Engagement der Vereine vor Ort. Mein Verein BC Ottweiler ist das beste Beispiel. Ich habe 20 Jahre lang keinen einzigen Jugendlichen oder Schüler im Verein gehabt, weil ich niemanden hatte, der das Training macht. Es gab genau eine einzige Mannschaft, in der ich gespielt habe. Und dann ist ein ehemaliger Jugendspieler von uns, mittlerweile etwas über 40, wieder zurück nach Ottweiler gekommen, hat hier ein Haus gebaut, ist mit seinen zwei Kids in der Halle aufgetaucht und hat gesagt: sollen wir nicht noch mal starten? Und ich habe jetzt innerhalb von anderthalb Jahren 35 Kinder in der Halle und habe einen Aufnahmestopp verhängen müssen, weil ich die gar nicht mehr bedienen kann. Also es ist tatsächlich zu 95 % Zufall und persönliches Engagement.“
L!VE: Was müsste sich ändern, damit sich Badminton besser entwickeln kann?
MW: „Es gibt ein paar Sachen, die man sicherlich innerhalb des Verbandes vereinfachen könnte. Der ist mir manchmal zu stark reglementiert und zu unflexibel. Und es könnte tatsächlich auch ein bisschen mehr Geld fließen. Es ist halt ein sauteurer Sport, was an den Hallen und am Equipment liegt. So eine Rolle Federbälle kostet mittlerweile in halbwegs annehmbarer Qualität 37 Euro, immerhin sind die aus Kork und Gänsefedern. Als ich angefangen habe, waren es 15 Mark. In der Bundesliga spielen sie mit Bällen, da kostet die Rolle 55 bis 60 Euro, und die blasen pro Spiel easy eine Rolle weg. Sobald eine Feder ein bisschen geknickt ist, fliegt der Federball nicht mehr so wie vorher, und dann machst du ihn weg. Das geht ins Geld.“
L!VE: Gibt es denn genügend Hallen?
MW: Nicht wirklich. In Ottweiler gibt es nur eine Halle, in der man wettkampfmäßig Badminton spielen kann. Da sind sechs Felder, und ich habe die Halle genau einmal in der Woche. Eigentlich brauche ich sie öfter, aber kriege sie halt nicht. Die Handballer haben sie locker acht Mal, die Leichtathleten wollen im Winter rein, die Jugendfußballer ebenso. Das ist so historisch gewachsen. Man hätte auch noch rechts und links vier Felder mehr reinmachen können, wurde aber nicht gemacht. Das sind so konzeptionelle Dinge, weil man an diese Sportart nicht denkt.
L!VE: Bleibt zu hoffen, dass die Erfolge des saarländischen Badmintons dazu führen, dass künftig häufiger an den Sport gedacht wird. Vielen Dank für das Gespräch – und für die Erkenntnis, dass der Sport zwar Badminton heißt, man das Spielgerät aber durchaus Federball nennen darf. Immer noch besser als das internationale „Shuttlecock“.












