Louisa Pitz ist fraglos einer der positivsten Erscheinungen der Techno-DJ-Szene der letzten Jahre. Nicht ohne Grund ist sie quasi vom Start weg zum Resident im renommierten Saarbrücker Mauerpfeiffer Club geworden, legt im Mannheimer Hafen 49 und im Luxemburger Lenox auf. Und das mit gerade mal 21 Jahren, ohne Hunderttausende Insta-Follower und ohne im Bikini aufzulegen – einfach durch Qualität an den Decks.
Sie sind die Helden der Nacht: DJs! Die einstigen, profanen Plattenaufleger aus den Sechzigern und Siebzigern haben sich längst zu echten Ikonen moderner Popkultur entwickelt und so manch einen klassischen Rock- oder Popstar abgelöst. Kein Wunder, dass es der Traum so manch eines Jugendlichen ist, selbst einmal hinter den Decks zu stehen und den Rhythmus der Nacht vorzugeben. Da macht auch die 2003 in Saarbrücken geborene Louisa Pitz keine Ausnahme, höchstens mit dem Unterschied, dass sie als Teenagerin eigentlich auf dem Weg zur Profi-Fußballerin war. Tatsächlich hatte sie am Ende sogar für die SV Elversberg gespielt als ein Kreuzbandriss die Karriere von jetzt auf gleich beendete – und das auch noch ausgerechnet gerade mal eine Woche vor dem Abitur. Mit diesem in der Tasche studiert sie dann zuerst Eventmanagement und inzwischen Musikbusiness, einem BWL-lastigem Wirtschaftsstudiengang mit dem Fokus auf Musik. Und das kommt nicht von ungefähr, denn die ganze Zeit war da auch schon die besondere Anziehung und die Bedeutung von Musik für sie.

L!VE: Was war das denn für Musik die Dich als Erstes begeistern konnte?
Louisa: „Und ich war schon immer diejenige, die elektronische Musik gehört hat. Als ich so elf, zwölf war hat mein Bruder, der ein paar Jahre älter als ich schon Techno gehört. Der war da 18 und da habe ich das dann zum ersten Mal mitbekommen, fand das super interessant und mir dann extra dafür weiße Beats Kopfhörer gekauft. Ich habe viel auf YouTube geschaut und mich einfach informiert und ganz interessiert gestöbert, was es so gibt. Meine Favorits waren damals Timmy Trumpet, Pappenheimer oder Raving George, heute Charlotte De Witte. Das war schon sehr früh einfach ein Thema bei mir, wenn auch jetzt noch nicht wirklich im Mittelpunkt. Also da war schon Sport viel präsenter bei mir, aber Musik immer mein Begleiter.“

L!VE: Aber trotzdem kam ja irgendwann das erste Mal der Gedanke ans Auflegen auf?
Louisa: „Ich würde mal vermuten, so mit 17, 18 weil ich dann auch ab und zu dann mal selbst weggehen konnte. Und irgendwie habe ich dann Blut geleckt und dann noch mal ein größeres Verständnis für das Ganze bekommen. Und tatsächlich habe ich mir auch oft gedacht, wenn ich auf Veranstaltungen war, ich würde das jetzt gerade als DJ besser machen. Ich kenne Tracks, die würden jetzt in dieser Situation viel besser passen. So wurde mein Interesse geweckt und ich habe gedacht, ich möchte das auch können, weil ich liebe diese Musik so sehr. Es wird wohl nicht zu schwer sein. Und dann habe ich mein letztes Geld zusammengekratzt und mir einen Pioneer DDJ SX DJ-Controller gekauft. Von da an dann habe ich jeden Tag in meinem Kinderzimmer und bei meiner Oma im Keller geübt, denn eins war sofort klar: das war einfach mein Ding. Es war so was wie mein DJ Arbeitsplatz und da bin ich jeden Tag hin und habe einfach Spaß gehabt. Als dann nach Covid so langsam die Clubs wieder aufgemacht haben, bin ich beispielsweise in den Mauerpfeiffer und war im Hafen 49 und sonst noch auf so ein paar Veranstaltungen und habe ich dann wirklich gedacht, okay, das kann ich wirklich auch selbst.“

L!VE: Zu diesem Zeitpunkt verfügst Du neben Deinem Talent zwar auch über die ersten nötigen Skills, aber wie bist Du dann zu Deinen ersten Gigs gekommen?
Louisa: „Zwei Freunde von mir hatten in Freiburg ein Kollektiv gegründet und die haben mich einfach gefragt, magst du nicht mal bei uns auflegen. Das war im September 2021, also ungefähr schon ein halbes Jahr, nachdem ich mit dem Ganzen angefangen hatte, als ich dann so wirklich auf einer offiziellen Veranstaltung aufgelegt habe. Auch die Luxemburger Szene war generell von Anfang an einfach ein ganz großer Supporter und die haben mir sehr viele Chancen gegeben. Vor zwei Jahren habe ich im Lenox habe ich mit Charlie Sparks auflegen dürfen, Das war ja auch ein ganz großer Spaß. Und ansonsten generell in Luxemburg muss ich schon sagen, dass da von Anfang an einfach sehr viel Support da war und die mir sehr früh Chancen gegeben haben, früher als jetzt Veranstalter hier in Deutschland. Ich habe dann anfangs auch eigene Veranstaltungen in Saarbrücken gemacht, die waren damals natürlich nicht so super professionell, halt irgendwo irgendeinen Rave gemacht, wie man es halt so macht am Anfang. So langsam hat sich das dann nach und nach gefügt. Ich habe dann mal in der Kufa aufgelegt, hatte meine Debüt in Luxemburg und dann im April 2022 zur ersten Mal im Mauerpfeiffer aufgelegt, wo ich dann nur ein halbes Jahr später Resident wurde. Dann ging alles recht schnell.“

L!VE: Wie hat sich Dein Style seitdem entwickelt und spielen Vorbilder eine Rolle?
Louisa: „Also ich glaube, damals war es deutlich härterer Sound, den man von mir erwarten konnte. Und mittlerweile würde ich sagen ganz klassischer Peak Time Techno mit viel Acid Elementen und ja, einfach groovy treibenden Techno. Das ist das, was man von mir erwarten kann und was die Leute immer noch von mir erwarten. Also, ich muss schon sagen, Charlotte de Witte ist schon sehr prägender Teil auch weil ich so früh angefangen habe, ihre Musik zu hören. Aber auch Monika Kruse, die ich sehr früh das erste Mal live sehen durfte, hat mich auch sehr geprägt. Es gibt zwar auch männliche Vorbilder und ich muss schon sagen, dass viele DJs der älteren Generation mich deutlich mehr faszinieren als einige, die jetzt nicht unbedingt viel älter sind als ich. Wenn ich jetzt auf meine Gigs am Hafen 49 schaue, dann lege ich wirklich lieber mit Artists auf, die deutlich älter sind als ich, Weil ich die so viel krasser finde als so viele meiner Generation, muss ich sagen. Das ist für mich ein deutlich größeres Kompliment, mit denen auflegen zu dürfen. Was die Vorbildfunktion angeht, spielt es schon durchaus eine Rolle, dass ich mich als Frau durchaus mehr mit einer Frau identifizieren kann. Aber jetzt allgemein auf das Musikalische bezogen, ist mir das total egal. Also da spielt es für mich einfach keine Rolle. Nee, ich sag mal, wenn es gute Musik ist, da ist mir total egal, welches Geschlecht hinter dem DJ Pult steht. Und Monika Kruse und Charlotte Witt sind beides zwei Künstlerinnen, zwei Frauen, die phänomenal gut sind in dem, was sie machen. Es könnten aber genauso gut zwei Männer sein. Und dann würde ich die genauso phänomenal finden. Die Vorbildfunktion, würde ich einfach sagen, ist verstärkt dadurch, dass ich mich damit mehr identifizieren kann.

L!VE: Apropos Frauen, Du fängst jetzt aber nicht an wie die halbnackten Instamodel-DJs zu vorproduzierten Halbstunden-Sets rumzukaspern?
Louisa: Bei dem Thema denke ich mir oft, sollen die Leute doch einfach machen was sie wollen. Ich blicke da positiv hin, dass sich das vielleicht auch wieder alles in alte Fugen bewegt. Man muss halt auch immer ein bisschen differenzieren, in welcher Bubble oder in welchem Genre man sich befindet. Natürlich gibt es ständig Veränderungen in der Szene, aber man muss halt trennen, was ist noch Techno. Diese ganzen neuen Genres, die da so ein bisschen entstanden sind, das ist ja eigentlich kein Techno mehr. Und wenn man anfängt, das ein wenig zu trennen, dann glaube ich, kann man auch ein bisschen mehr seinen Frieden damit schließen, dass es da einfach andere Bewegungen gibt.
L!VE: Du siehst Dich schon eher in der Tradition der Artists, die vor 30, 40 Jahren mit Techno angefangen haben
Louisa: „Es ist ja, sage ich mal, der Grundstein für all das, was ich jetzt machen kann und machen darf. Und mich interessiert diese Musik und deren Elemente aus der Vergangenheit deutlich mehr als viele neuen Dinge, die jetzt entstehen. Also das war vielleicht am Anfang auch ein bisschen anders, aber man bildet sich ja auch mit der Musik und innerhalb der Szene weiter und mit der Musik. Das ist ja auch ein Prozess. Ich befinde mich ja eigentlich jetzt gerade in meinem dritten Jahr als DJ. Und dafür muss ich mir selbst dann schon manchmal eingestehen, ist es schon ganz gut, wo ich bisher hingekommen ist. Aber ich bin da immer ein bisschen vorsichtig und vielleicht auch manchmal ein bisschen zu zurückhaltend. Der Hafen war für mich letztes Jahr einer der größten Träume, die in Erfüllung gegangen sind. Und dass ich dieses Jahr dort auch wieder spielen darf, ist für mich wieder der größte Traum, der in Erfüllung gegangen ist. Da spüre ich schon große Dankbarkeit.“
L!VE: Aktuell sind in den Clubs ein, zwei Stunden Sets üblich. Ist die Vermutung sehr falsch, dass du durchaus gerne auch mal fünf oder sechs Stunden auflegst?
Louisa: „Ja, im Moment gehören drei Stunden schon zu den etwas längeren Sets. Eigentlich finde ich drei Stunden super und es könnte für mich gerne die Normalität sein. Aber leider kommt es gar nicht so oft vor, wie man denkt. Je länger das Set, desto besser wird es in der Regel. Ich habe dann einfach viel mehr die Möglichkeit, musikalisch was zu erzählen. Die Energie und die Synergie, die dann entstehen, sind in meinen Augen gar nicht möglich, wenn ich nur eine Stunde, 75 0der 90 Minuten auflege. Ab zwei Stunden sage ich, kann ich mich da wirklich so langsam eingrooven. Aber wie gesagt, kommt leider nicht so oft vor und die Handvoll Gigs, wo man dann länger als fünf Stunden spielen konnte, die hat man schon sehr besonders in Erinnerung.“
L!VE: Du spielst mit Allen & Heath Mixern aber genauso auch mit Pioneer ?
Louisa: „Das spielt für mich überhaupt gar keine Rolle. Also ich mag beides super gerne und ich sage eigentlich, wenn ich gefragt werde zum Veranstalter immer, nehmt einfach das, was für euch einfacher ist oder richtet euch nach den anderen DJs. Ich kann auf allem spielen. Klar, soundtechnisch gibt es dann schon einige ältere Pioneer Modelle, die hinter dem Xone einzuordnen sind, aber jetzt die neuen Pioneers sind ja schon auch echt super und mit denen macht es auch schon sehr Spaß aufzulegen. Aber die älteren Modelle? Da muss ich schon sagen, eigentlich würde ich dann den Xone bevorzugen, aber am Ende sind das so Feinheiten, die glaube ich auf dem Niveau, wo ich mich noch befinde, vielleicht einfach noch nicht so eine große Rolle spielen.“
L!VE: Was Dich auch auszeichnet ist Deine Bereitschaft auch in Clubs aufzulegen, die nicht nur ein reines Techno-Programm fahren? Trotzdem gehört Dein Herz den Techno-Locations, oder?
Louisa: „Ja, also das kann ich so zu 100 % unterschreiben. Da geht mein Herz natürlich am meisten auf. In genau diesen Läden, wo man das Gefühl hat, da geht es wirklich nur um Techno, nur um die Musik und um die Nacht. Das ist schon so, was mir am allermeisten Spaß macht. Aber ich glaube, es gehört irgendwie auch dazu, dass man anpassungsfähig ist und irgendwie auch verschiedene Zielgruppen bespielen kann und trotzdem mit meiner ganz eigenen Art und Weise überzeugt. Und da kann jeder DJ , sage ich mal, seinen Weg finden und seine ganz eigene Meinung zu haben. Aber mir macht es auch Spaß, dann eben in verschiedenen Settings zu spielen.“
L!VE: Hast Du das Gefühl, mal einen DJ-Job nur wegen Deiner Social Media Aktivitäten bekommen zu haben?
Louisa: „Hm, das ist eine gute Frage. Das müsste man wahrscheinlich die Veranstalter und Veranstalterinnen fragen. Es spielt wahrscheinlich eine Rolle, wenn man eine gewisse Reichweite hat. Das ist heutzutage kein Geheimnis mehr. Und ich würde sagen, ich gebe mir schon auch eine gewisse Mühe auf die Art und Weise oder in dem Bereich, sage ich mal, nicht ganz gut zu präsentieren. Und da steckt auch viel Arbeit drin, sage ich mal.. Deswegen ist es naheliegend, dass es natürlich einen Einfluss wahrscheinlich hat auf mögliche Bookings. Was meine Person angeht, kann ich mir das nicht anders vorstellen, aber ich hoffe und denke, dass der ausschlaggebende Punkt immer die Musik ist. Trotzdem muss man natürlich auch immer ein bisschen einordnen, In welchen Regionen spielt man viel? Und ich glaube, es gibt viele, viele Veranstaltungen, die ich spielen könnte und dürfte, wenn Social Media nicht so eine große Rolle spielen würde und würde ich 10.000 mehr Follower hätte. Natürlich hätte ich dann ganz andere Gigs und es ist halt schon schade, weil die Musik alleine eben nicht ausschlaggebend dafür ist.“
L!VE: Was wären denn so Ziele, die Du in nächster Zeit erreichen willst?
Louisa: „Oh, da gibt es ganz viel. Also da könnten wir jetzt drei Stunden weiter sprechen miteinander und einfach nur Bulletpoints durchgehen. Also es gibt schon Festivals und Clubs, die für mich ein absoluter Traum wären. Das sind Festivals wie das Fusion, Awakenings, einfach diese Sachen auf denen man selber schon zum Feiern war. Also das sind natürlich auch Clubs wie Tresor, Panoramabar oder Kalt Club in Straßburg. Das sind alles Sachen, wo ich natürlich von träume. Aber wenn ich mir die als Ziel setzte, dann bin ich mir schon sicher, dass ich das auch schaffen werde. Vor zwei, drei Jahren war für mich mal im Hafen oder mal im Mauerpfeiffer auflegen zu dürfen auch erstmal nur ein Riesentraum. Das hat inzwischen alles geklappt und ich glaube, wenn man einfach dran bleibt über viele Jahre, ein guter Mensch ist und sich viel Mühe gibt, dann glaube ich, fügen sich die Dinge schon von ganz alleine.“




