Hallo Mikrokosmonauten: Warum Neuanfang manchmal nach Karton und Muskelkater riecht
Es gibt Menschen, die einen Neuanfang mit einem Sonnenaufgang am Meer, einem leeren Notizbuch und einer Tasse Matcha verbinden. Und dann gibt es Menschen wie mich. Bei mir sieht Neuanfang aktuell eher nach Umzugskartons, Möbelpolitur und der leisen Verzweiflung darüber aus, warum man eigentlich Dinge besitzt, von denen man seit Jahren nicht mehr wusste, dass man sie besitzt. Plötzlich steht man da und soll also sein Leben sortieren. Ganz praktisch. Bleibt. Kommt mit. Kann weg. Warum habe ich das überhaupt?
Das Leben im Zwischenlager
Ich will ehrlich zu euch sein: Mein Leben befindet sich momentan in einem Zustand, den Immobilienmakler vermutlich „flexible Übergangslösung“ nennen würden. Ich nenne es: Ich weiß ungefähr, wo meine Dessous sind. Ein Teil meines Besitzes befindet sich also in Kartons, ein anderer dort, wo ich noch wohne, und der Rest vermutlich an Orten, die ich erst beim nächsten Umzug wiederentdecken werde.
Erwachsenwerden in den Vierzigern – jetzt aber wirklich
Ich dachte lange, Erwachsensein würde irgendwann automatisch passieren. So ähnlich wie graue Haare oder die Erkenntnis, dass man nach 22 Uhr eigentlich nirgendwo mehr hin muss. Offenbar habe ich mich geirrt. Ich stehe nun jedenfalls vor diesen Umzugskartons und treffe Entscheidungen, die ich seit Jahren erfolgreich vertagt habe. Brauche ich wirklich sieben verschiedene Sorten Weingläser? Muss ein Kleid, das seit 2019 auf „Wenn ich mal wieder irgendwohin gehe, wo man sowas trägt“ wartet, weiterhin Teil meiner Zukunft sein? Und warum besitze ich Kabel, von denen weder ich noch irgendein Mensch in meinem Umfeld weiß, zu welchem Gerät sie jemals gehört haben? Früher hätte ich wahrscheinlich alles eingepackt. Man weiß ja nie. Dieser Satz ist übrigens der natürliche Feind jedes Umzugshelfers. Diesmal versuche ich es anders.
Was darf eigentlich mit?
Nur mal so: Nicht alles, was lange da war, muss bleiben. Manche Dinge waren einmal wichtig und sind es heute nicht mehr. Manche Menschen übrigens auch. Manche Gewohnheiten haben irgendwann ihren Zweck erfüllt, passen aber nicht mehr zu dem Menschen, der man inzwischen geworden ist. Und manches schleppen wir einfach deshalb weiter mit uns herum, weil wir uns nie die Mühe gemacht haben, es abzustellen. Altlasten haben nun mal auch erstaunlich gute Argumente. Das Problem ist nur: Loslassen klingt in Kalendersprüchen wesentlich einfacher als im echten Leben. Denn plötzlich hält man irgendeinen vollkommen nutzlosen Gegenstand in der Hand und denkt: „Aber den hatte ich doch damals schon“ und zack – emotionaler Denkmalschutz. Bei Menschen und Erinnerungen funktioniert das leider genauso gut. Wir behalten Dinge, Situationen und manchmal sogar ganze Lebensentwürfe, weil sie einmal zu uns gehört haben. Dabei ist Vergangenheit kein lebenslanges Abonnement. Und wir sollten uns zuweilen vor Augen halten: Wir müssen unser altes Leben nicht schlecht finden, um ein neues anfangen zu dürfen.
Ein neues Kapitel braucht Platz
So ein Umzug ist eigentlich eine radikale Angelegenheit. Vielleicht fühlt er sich deshalb manchmal größer an als der bloße Wechsel einer Adresse. Er ist immer auch ein kleiner Abbruch. Ein vertrauter Ort verschwindet aus dem Alltag, Gewohnheiten ändern sich, Wege werden andere. Selbst Dinge, über die man sich ziemlich lange geärgert hat, bekommen plötzlich einen Hauch von Nostalgie, sobald man weiß, dass sie bald Vergangenheit sind. Die Kunst besteht vermutlich darin, einen Neuanfang nicht mit einem kompletten Kahlschlag zu verwechseln. Ich muss nicht alles Alte entsorgen, nur weil etwas Neues beginnt. Aber ich muss eben auch nicht alles mitnehmen, nur weil es bisher irgendwo herumstand. Was mir hilft? Nicht den kompletten Hausstand gleichzeitig anzuschauen. Eine Schublade. Ein Regal. Ein Karton. Kleine Entscheidungen statt eines dreitägigen Nervenzusammenbruchs zwischen Winterjacken und Tupperdosen. Außerdem versuche ich, nicht für eine hypothetische Mel im Jahr 2034 zu packen. Diese Frau braucht nämlich erstaunlich viele Dinge. Sie könnte irgendwann wieder puzzeln, Fondue machen oder in Größe 36 passen. Die Mel von heute ist wesentlich pflegeleichter. Und trotzdem darf natürlich etwas mit, das objektiv nutzlos ist. Und trotz aller gut gemeinten Ansätze sollte ein Umzug kein Persönlichkeitsexorzismus werden.
Kein Neubeginn entsteht im luftleeren Raum
Und noch etwas merke ich gerade: Auch wenn auf den Umzugskartons am Ende mein Name steht, bin ich nicht ganz allein an diesem Punkt angekommen. Menschen hinterlassen Spuren in unserem Leben. Manche geben einem Halt, andere einen Schubs. Manche bringen Struktur in ein Chaos, von dem man selbst längst behauptet hat, es sei ein ausgeklügeltes System. Manche glauben an eine Idee, bevor man selbst so richtig daran glaubt. Und manchmal reicht eine Begegnung oder ein Gespräch zur richtigen Zeit, damit man plötzlich einen Weg einschlägt, den man ein Jahr vorher noch überhaupt nicht gesehen hat. Wenn ich mir anschaue, was sich in meinem Leben gerade verändert, dann ist vieles davon natürlich meine eigene Entscheidung. Aber nicht alles ist allein entstanden. Da sind Menschen, die mich in den vergangenen Monaten belgeitet, ermutigt, herausgefordert oder mir auf ihre ganz eigene Art Struktur gegeben haben. Leute, durch die ich manches überhaupt erst getraut habe. Und vielleicht gehört auch das zum Loslassen: zu erkennen, dass man nicht jeden Teil seiner Vergangenheit physisch mitnehmen muss, um etwas davon zu behalten. Ich nehme nicht mein altes Leben mit. Ich nehme aus ihm mit, was zu meinem neuen Leben passt. Den Rest darf ich hierlassen. Außer den unbekannten Kabeln natürlich. Man weiß ja nie.
Am Ende ist es doch so: Das Gute an Menschen, Erfahrungen und vergangenen Lebensabschnitten passt glücklicherweise in keinen Umzugskarton.
Es ist längst in uns.
Gewidmet einem Menschen, der in den vergangenen Monaten mehr zu diesem neuen Kapitel beigetragen hat, als er vermutlich selbst ahnt: Danke!




