Der Saarbrücker Künstler Volker Schütz kann nicht nur, er macht auch – und zwar richtig viel. Er verlängert Körperteile, macht visuelle Musik, arbeitet mit Film und züchtet Vektoren im Oszilloskop. Volker Schütz liebt alte technische Geräte, kultiviert ihre Fehler und Eigenheiten, verbiegt mit ihnen die Wirklichkeit und kennt den diskreten Charme der KI.

Schütz studierte Informationswissenschaft, Kunstgeschichte und Linguistik an der Universität des Saarlandes. Seit den 1990er Jahren beschäftigt er sich mit der Lomografie und experimentiert mit selbstgebauten Kameras, Spielzeug- oder Lochkameras sowie selbstgebauten Objektiven. Seit fast 40 Jahren nutzt er moderne aber auch historische Darstellungsverfahren zur Generierung eigentümlicher, subjektiver Bilder von Körpern, Objekten oder Signalen – als Stand- oder Bewegtbild. Beim Projekt Laserakte bestrahlte er Aktmodelle mit Laser und erzeugt so Fotografien von computergrafischer Anmutung. Bei der Mitmachaktion Körperteilverlängerung schafft er surreale und verzerrte Ganzkörperportraits mit Hilfe einer Schiebeblendenkamera aus den frühen 1980er Jahren. Mit seinen Kurzfilmen nahm und nimmt er an einigen überregionalen Filmfestivals teil. Für sein Projekt „fiktionale Mykologie“ produzierte er Fotos von modifizierten Pilzen, „Maschinelle Kunst“ erstellt er mit Hilfe künstlicher neuronaler Netz. Anfang der zwanziger Jahre fertigte er verschiedenartige Titelbilder für die Zeitschrift Saarbrücker Hefte.

 

Eine Konstante zeichnet fast alle seiner Projekte aus: als Künstler irgendwo zwischen Wissenschaft und lebensweltlicher Erfahrung lädt er durch vermeintlich fehlerhafte Abbildung dazu ein, Bekanntes anders wahrzunehmen oder zumindest die Wahrnehmung zu hinterfragen. Bewusst experimentiert er mit den mit Fehlern und Einschränkungen seiner Maschinen. Die nötige Nähe zu den Menschen verlagert sich durch Technik vergangener Zeiten ins Virtuelle. Die Objektive erlauben eine Distanz zum Ersehnten. Was bleibt, ist das Spiel zwischen dem, was man sehen kann und dem Unsichtbaren. Bei alledem zeichnet er sich immer durch Eigen-Reflektion seiner Arbeiten und Selbstkritik aus.

Volker Schütz. „Ich bin einer der wenigen Saarbrücker Künstler, die nicht Kunst studiert haben. Ich habe das gemacht, was man so andernorts Studium Generale nennt, also von allem so ein bisschen. Wo ich am weitesten fortgeschritten war, war Informationswissenschaft. Ich finde, das klingt so technisch, so modern, aber ich würde mal so sagen, so weit her war es damit nicht. Also es war ein sehr, sehr einfaches Studium.“

 

L!VE: Hast Du irgendwann zwischendurch mal den Drang verspürt, was ganz anderes zu machen? Brötchen zu backen, Autos zu entwickeln?

Volker Schütz: „Nee, nicht wirklich Diese Kunstsachen, die ich jetzt so mache, die sind immer irgendwie so zwischen Kunst und Wissenschaft oder Nerd-Technik. Das war eigentlich immer genau mein Ding. Als Kind oder Jugendlicher, da wusste ich einfach nicht, dass das eine legitime Tätigkeit sein kann. Ich habe immer gedacht, Arbeit darf keinen Spaß machen und Arbeit muss auf der Hütte oder auf dem Amt stattfinden, aber nicht mit so Sachen, wo man eigentlich einen Heidenspaß mit haben kann. Ich komme aus einer ganz normalen, traditionellen  saarländischen Familie, und da gab es dieses Lebensmodell natürlich nicht. Aber seit ich rausgefunden hab, dass das legitim ist, dass man das als Künstler darf, bin ich damit eigentlich ganz zufrieden. Von dem Fakt abgesehen, dass man damit kein Geld verdient. Aber materielle Dinge bedeuten mir halt nix und ich wohne halt immer noch in einem WG Zimmer.“

 

L!VE: So ein altes Oszilloskop kostet ja auch nicht die Welt.

„Das ist ja das Geile, weil es gibt sehr viele Oszilloskope, Weil früher in meiner Jugend, da gab es an jeder Ecke so ein kleine Lädchen, wo ein Typ drin war, der Fernseher reparierte. Die hatten zum Fernseher reparieren alle ein Oszilloskop. Und jetzt finden die Erben in ganz vielen Nachlässen Oszilloskope und wissen nicht, was sie damit tun sollen. Dadurch sind die Oszilloskop Preise aktuell sehr, sehr günstig. Mit 100 € ist man da schon sehr gut dabei.“

 

L!VE: Wir hatten ja 2018 tatsächlich schon über die WG berichtet, die Du eben angesprochen hast. Wenn wir jetzt davon ausgehe, dass du weiterhin weder dem Ruf eines Oszilloskops oder alten Faxgerätes widerstehen konntest, passt das alles noch in die Wohnung rein?

V.S.: „Ja, also die Wohnung platzt aus allen Nähten, aber zum Glück sind die Räume ja sehr hoch. Ich habe da so ein paar Bretter eingebaut und da stehen dann jetzt beispielsweise historische Fernseher drauf, mit richtigen Bildröhren natürlich“

 

L!VE: Gab es auch irgendwann mal ein Projekt, wo du gesagt hast, so, das ist jetzt für mich auserzählt?

V.S.: „Das ist tatsächlich mein Pilz-Projekt über die „fiktionale Mykologie“ . Da gibt es jetzt an die 40 Motive. Eigentlich habe ich schon vor ein paar Jahren gemerkt, damit ist die Reihe eigentlich komplett. Also wenn ich jetzt noch ein paar machen würde, würde es nicht besser werden.“

 

L!VE: Alles, was du so treibst, ist aber immer so ein bisschen die Mischung aus historischen Geschichten und modernen Technologien. Dieser Spagat zwischen den Jahrzehnten begleitet alle Deine Arbeiten, oder?

V.S.: „Also für mich ist es noch nicht mal ein Spagat, weil das Nerdhafte, das war schon immer irgendwie so in mir und deshalb benutze ich auch genau das, um meine Kunst zu machen, weil das mein Ding ist. Eigentlich bin ich im Moment in einer Situation, die ich mir immer gewünscht hätte. So von wegen, dass ich das sehr, sehr schätze, dass ich so viele Möglichkeiten habe, mit interessanten Leuten was zusammen zu machen. Und gerade in der Musik ist das ja ganz wichtig, weil das kann man schlecht alleine was auf die Beine stellen, zumindest mit „richtigen“ Instrumenten. Ein Bild kann ich alleine malen, aber für Musik braucht man meistens noch ein paar Leute. Wer da für mich ganz klar an erster Stelle kommt, sind halt die Nika Jonsson und auch der Christoph Tewes. Die stehen für zwei vollkommen verschiedene Welten, aber beide sehr spannend.“

 

L!VE: Bei welchen Instrumenten siehst Du als erstes die Verbindung zu Deinen Arbeiten?

V.S.: „Gute Frage. Ja, also ich kann gar kein klassisches Instrument spielen. Also muss ich da sagen, so alles, was irgendwie mit dem Oszilloskop zusammenhängt, das ja selber keine Töne hervor, das stellte ja nur dar. Aber ich benutze dann ja in der Erweiterung andere Sachen, um die Töne hervorzubringen fürs Oszilloskop. Insofern kann man schon sagen, dass das Oszilloskop mein Zielinstrument ist.“

 

L!VE: Aktuell ist KI ja auch in der Kunst das ganz große Thema, aber Du hast da schon Mitte der Zehner Jahre erste Ausstellungen realisiert.

V.S.: „Ja, da nannte man das, was man im Bildhaften damit gemacht hat, auch noch nicht KI. Das hieß damals noch Deep Dreaming. Und das waren Algorithmen, die halt auch mit Bildgenerierung zu tun hatten. Die hat man dann einfach so ins Grüne laufen lassen. Das war wie die KI heute, nur 100 Nummern kleiner. Und da gab es eine interessante Erscheinung, weil derjenige, der die programmiert hat, hat ein paar Beispielbilder vorgegeben. Da er offensichtlich Hundefreund war, waren da relativ viel Hundebilder drin und auch offensichtlich Eidechsen und Vögel. Jedenfalls wenn man die Bilder eine Weile laufen ließ, egal was man als Ausgangsbild nahm, konnte man die Parameter justieren und versuchen, so einen Stil von einem Bild auf ein anderes zu übertragen. Und das hat mal geklappt und meistens aber nicht. Im Zweifelsfall kam immer ein Hund oder ein Vogel dabei heraus.“

 

L!VE: Inzwischen ist KI in aller Munde ist und hat Dich seitdem auch nicht wieder losgelassen, oder?

V.S.: „Nee, ich mache viele Sachen mit KI. In meiner aktuellen Serie drucke ich beispielsweise Computerviren auf alte 5,25-Zoll-Disketten. Das muss man aber ganz buchstäblich nehmen. Ich drucke „auf“ die alten Datenträger, also auf die Hüllen der 5¼“ Floppy Disks, wie man sie damals für Spiele wie Summer Games auf dem Commodore C 64 benutzt hat. Ich hatte zwar noch ein paar alte Disketten, aber die wollte ich natürlich nicht benutzen, weil da sind ja noch meine wertvolle Sachen drauf. Deshalb habe ich einfach bei Ebay ein Konvolut alter Disketten gekauft und weiß gar nicht, was da drauf ist. Wir werden es nie erfahren.“

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L!VE: Du kuratierst mittlerweile auch Events zum „diskreten Charme der KI.“

V.S.: „Ich hatte zwei Abende im Kino Achteinhalb. Der eine war Ende des letzten Jahres, ich glaube, im November und da habe ich Filme von mir gezeigt. Da waren auch ein paar KI Sachen dabei. Und dann fanden die Leute im Publikum und das Filmbüro das so super, dass sie gemeint haben, sollte man da nicht noch mal einen Abend machen? Und das war dann „Der diskrete Charme der KI“ wo aber nicht Arbeiten von mir gezeigt wurden, sondern unter anderem von Mikromoon, Markus Brixius, Michael und Caroline Koob. Bei der nächsten Veranstaltung „Von Quantenparadoxa zu Überzeitlichkeit“ da war ich mit Nika Jonsson ja eher so schmückendes Beiprogramm, aber das hat jetzt nicht geschadet, weil mein Publikum erwartet ja auch sowas von mir. Ich war auch tatsächlich richtig begeistert, da auf der Bühne stehen zu können. Das tut natürlich auch meinem Renommee sehr gut, da mitzumachen. Das war ja nicht irgendein  Gaukler, sondern ein richtig, habilitierter Professor. Entsprechend war die Veranstaltung trotz des schon sehr wissenschaftlichem Namens blitzschnell ausverkauft. Noch bevor wir mit der Werbung überhaupt erst großartig angefangen haben, kann es gut sein, dass es eine Wiederholung gibt.“

 

L!VE: Da gibt es doch bestimmt noch mehr in der Pipeline?

V.S.: „Ja, ich glaube, das kann man so drei Sachen reduzieren. Das ist die Arbeit mit historischem Technikkram. Dann auf der anderen Seite die Arbeit mit Hochtechnologie, also mit mit KI – und wo ich mich ganz besonders drauf freue ist, dass drittens irgendwie alles im Musikalischen zusammenzubringen, im weitesten Sinne. Das ist irgendwie so meine Vision, die ich noch nie oder nur ein bisschen ausgelebt hat. Also mein Musikbegriff ist natürlich sehr weit. Es gibt ja den Begriff der visuellen Musik und das zählt natürlich schon mit dazu. Also es kann sein, dass man dann rhythmische Strukturen in einem Bild hat.“

 

L!VE: Noch irgendetwas, was dir furchtbar am Herzen liegt?

V.S.: „ Ja! Was mir am Herzen liegt, sind jetzt tatsächlich zwei Menschen, die ich auch vorhin schon erwähnt habe. Also ganz vorne die Nika Jonsson und dann auch der Christoph Tewes. Ich denke, dass da in der nächsten Zeit noch ganz viel spannende, weil auch ganz unterschiedliche, Dinge passieren werden. Nicht zuletzt weil die Beiden ganz verscheiden Ansätze verfolgen. Also der Christoph Tewes, der macht ja seit seit 40 Jahren genau sein Ding. Ich kann mit Free Jazz eigentlich gar nichts mit anfangen und trotzdem ist es aber für mich interessant, da teilhaben zu können, weil es eine parallele Welt ist, die mich einfach interessiert. Mit Nika ist eine ganz, ganz andere Nummer. Da spüren wir immer so beim Zusammenarbeiten. Ja, es ist ein gegenseitiges Schätzen von Abwegigkeiten, von Ungewöhnlichkeiten halt. Das ist immer interessant, dass man da irgendwie zusammenarbeitet und dann merkt, ach, guck mal da, In dem Moment an der Stelle, da ticken wir ja so absolut gleich. Und natürlich auch, weil sie einen großen, feinen Sinn für verrückten Quatsch hat.“

 

www.volkerschuetz.de, www.facebook.com/volkerschuetz

 

 

 

Nächste Termine:

21.06.2026, 16 Uhr: Galerie „Sali e Tabacchi“ (Feldmannstr. 144, 66119 Saarbrücken):

Collagen und „Konzert mit Laborgeräten“ von Volker Schütz

 

11.07.2026, 16 Uhr: Musikmärchen „Prinzessin Älvali“ von Nika Jonsson mit Zippo Zimmermann und Volker Schütz im Kastanienhain im Bürgerpark Saarbrücken

 

17.07.2026, Im Rahmen der „Nacht der Schönen Künste“ im „Silodom“ am Osthafen:

„Konzert mit Laborgeräten“ von Volker Schütz – alle Infos auf nachtderschoenenkuenste.de

 

 

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