Hallo Mikrokosmonauten: Warum denken wir eigentlich immer, woanders wäre alles besser?

Kennt ihr das? Man sitzt eigentlich ganz zufrieden irgendwo herum, alles ist in Ordnung – und dann sieht man etwas, das ein kleines bisschen besser aussieht als das eigene Leben. Eine andere Wohnung. Eine andere Stadt. Einen anderen Job. Einen Menschen, der scheinbar wahnsinnig entspannt durch seinen Alltag schwebt. Und plötzlich denkt man: Warum habe eigentlich ICH das nicht?

The grass is always greener on the other side. Und vermutlich ist genau das eines der ältesten Probleme der Menschheit. Kaum haben wir etwas erreicht, schauen wir schon wieder über den nächsten Zaun. Wer in Saarbrücken lebt, kennt das hervorragend. Man beschwert sich über Baustellen, Stau, die Stadtautobahn oder Parkhausgebühren und darüber, dass man hier gefühlt nie irgendwo hingehen kann, ohne mindestens drei Menschen zu treffen, die entweder einen selbst kennen oder jemanden kennen, der einen kennt. Also denkt man irgendwann: Berlin! Hamburg! Frankfurt! Da müsste man leben. Da passiert wenigstens was.

Dann verbringt man ein paar Tage dort, steht mit 400 anderen Menschen in einer U-Bahn, zahlt 19 Euro für einen mittelmäßigen Salat und braucht 47 Minuten, um jemanden zu besuchen, der angeblich „gleich um die Ecke“ wohnt. Und plötzlich klingt Saarbrücken wieder erstaunlich attraktiv. Vielleicht sogar die Parkhausgebühren.

Das Leben im Schaufenster

Das Problem ist natürlich nicht nur geografischer Natur. Wir vergleichen ständig. Und meistens ziemlich unfair. Wir kennen unser eigenes Leben nämlich in der ungekürzten Fassung. Mit Montagmorgen, Steuererklärung, schlechter Laune, Wäschebergen und der Erkenntnis, dass sich im Kühlschrank zwar zwölf Soßen, aber nichts Essbares befindet. Von anderen sehen wir dagegen meistens die Highlights. Den Urlaub. Das neue Haus. Die Beförderung. Das Abendessen. Die perfekt aufgeräumte Küche, bei der selbstverständlich gerade niemand fotografiert, was hinter der Küchentür steht. Wir vergleichen also unseren kompletten Director’s Cut mit dem Trailer der anderen. Und wundern uns anschließend, warum deren Film besser aussieht.

Ist das schlau? Natürlich nicht. Machen wir es trotzdem? Selbstverständlich. Besonders schön ist auch der Satz: „Wenn ich erst mal…“ Wenn ich erst die neue Wohnung habe, dann werde ich ordentlich. Wenn ich erst weniger arbeiten muss, mache ich mehr Sport. Wenn ich erst Urlaub habe, entspanne ich mich. Wenn ich erst mehr Geld verdiene, bin ich zufrieden. Wenn, wenn, wenn. Das Glück scheint grundsätzlich einen kleinen organisatorischen Vorsprung vor uns zu haben. Es ist immer schon beim nächsten Punkt auf der Liste, während wir noch versuchen, den aktuellen abzuhaken. Und haben wir den gewünschten Zustand schließlich erreicht, passiert etwas Faszinierendes: Wir gewöhnen uns daran. Die neue Wohnung ist nach drei Monaten einfach die Wohnung. Der neue Job ist irgendwann auch nur noch Arbeit. Im Traumurlaub gibt es plötzlich Stechmücken, Sonnenbrand unzählige Teenies, die Insta-Videos machen und tatsächlich einen Vater, der sich morgens vier Sonnenliegen für seine Familie reserviert. Frechheit eigentlich.

Woanders ist übrigens auch Alltag

Vermutlich liegt darin einer der größten Denkfehler: Wir stellen uns „woanders“ meistens ohne Alltag vor. Natürlich wäre das Leben am Meer fantastisch. In unserer Vorstellung sitzen wir dort morgens mit wehenden Haaren auf der Terrasse und schauen aufs Wasser. Dass man auch am Meer irgendwann Altglas wegbringen, Rechnungen bezahlen und das Bad putzen muss, taucht im geistigen Imagefilm erstaunlich selten auf. New York? Großartig. Paris? Traumhaft. Toskana? Sofort. Aber auch dort müssen Menschen montagmorgens zum Zahnarzt. Das ist wahrscheinlich die brutalste Wahrheit über Sehnsuchtsorte: Der Alltag reist mit. Manchmal braucht er nur ein paar Tage länger als wir.

Vielleicht ist der Zaun das Problem

Psychologisch ist dieser ständige Vergleich übrigens ziemlich logisch. Menschen orientieren sich an anderen. Wir schauen, was möglich ist, wo wir stehen und was uns vielleicht fehlt. Das kann sogar etwas Gutes haben. Ohne Unzufriedenheit würden wir vermutlich niemals umziehen, kündigen, etwas verändern oder auf die Idee kommen, dass unser Leben noch eine andere Richtung nehmen könnte. Problematisch wird es erst, wenn wir automatisch davon ausgehen, dass anders gleich besser bedeutet. Denn meistens sehen wir von der anderen Seite eben nur das Gras. Nicht den Dünger. Nicht die Arbeit. Nicht die kahlen Stellen. Und schon gar nicht die Rechnung vom Landschaftsgärtner.

Und jetzt?

Soll man also nie mehr über den Zaun schauen? Natürlich doch. Manchmal steht dahinter tatsächlich etwas, das besser zu uns passt. Manchmal muss man sogar den Garten wechseln. Es wäre schließlich genauso unsinnig, jahrelang auf vertrocknetem Rasen zu sitzen und sich einzureden, man müsse einfach nur dankbar sein. Vielleicht besteht die Kunst also gar nicht darin, immer zufrieden zu sein. Sondern darin, unterscheiden zu können: Will ich wirklich etwas anderes – oder gefällt mir gerade einfach nur die Aussicht von hier aus?

Und vielleicht sollten wir zwischendurch auch einmal auf das schauen, was direkt vor unseren Füßen wächst. Es muss schließlich nicht immer grüner sein. Oft reicht es, wenn es unseres ist.

Und was meint ihr?

Wie oft habt ihr euch schon gedacht, dass irgendwo anders das bessere Leben wartet? In einer anderen Stadt, einem anderen Job, einer größeren Wohnung oder einfach auf der anderen Seite irgendeines verdächtig gepflegten Zauns? Schreibt mir gerne. Gute Geschichten nehme ich jederzeit. Beschwerden bitte direkt an den Landschaftsgärtner.

melanie.hartmann@live-magazin.de

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