Hallo Mikrokosmonauten: Ein guter Tag muss kein Feuerwerk sein

Manchmal glaube ich, wir haben völlig vergessen, wie man sich über einen kleinen Sieg freut. Neulich habe ich einen Termin vereinbart, den ich seit Wochen vor mir hergeschoben hatte. Nichts Dramatisches. Kein Herzchirurg. Keine Steuerfahndung. Einfach ein Anruf. Trotzdem hatte ich ihn wochenlang nicht gemacht. Jeden Morgen dachte ich: „Heute rufe ich dort an.“ Jeden Abend dachte ich: „Mist, schon wieder vergessen.“ Irgendwann hatte ich die Sache in meinem Kopf so aufgeblasen, als ginge es um internationale Friedensverhandlungen. Dabei dauerte der Anruf am Ende ganze drei Minuten. Drei Minuten. Danach saß ich da und fragte mich ernsthaft, warum ich mich deswegen fast einen Monat verrückt gemacht hatte.

Das Leben besteht erstaunlich oft aus kleinen Erfolgen.

Man bekommt einen Termin. Man findet einen Parkplatz. Man schafft es, eine schwierige Nachricht abzuschicken. Man geht spazieren, obwohl man eigentlich keine Lust hatte. Man ruft jemanden zurück. Alles keine Schlagzeilen. Aber trotzdem Siege. Das Problem ist nur: Wir feiern diese Siege nicht. Wenn jemand Marathon läuft, klatschen alle. Wenn jemand einen Berg besteigt, gibt es Fotos. Wenn jemand eine Firma gründet, schreibt LinkedIn drei Tage lang darüber. Aber niemand postet: „Ich habe heute endlich einen Zahnarzttermin vereinbart, den ich seit Februar vor mir herschiebe.“ Dabei wäre das für manche von uns die deutlich größere Leistung. Manche Menschen bezwingen Berge. Andere schaffen es endlich, den Brief vom Energieversorger zu öffnen. Jeder kämpft seine eigenen Schlachten. Und ich stelle mir die Frage:

Seit wann zählen nur noch die großen Erfolge?

Vielleicht sind wir oft unzufrieden, weil wir unser Leistungen ständig mit den Höhepunkten anderer vergleichen. Während irgendwo jemand auf Instagram gerade seine Beförderung feiert, sitzt man selbst auf dem Sofa und denkt: „Na toll.“ Dabei hat man heute vielleicht ebenfalls etwas geschafft. Nur eben etwas, das keine Likes bekommt. Man hat einen Streit nicht eskalieren lassen. Man hat einen Fehler zugegeben. Man hat sich entschuldigt. Man hat Nein gesagt. Oder zum ersten Mal seit Wochen wieder an sich selbst gedacht. Das Problem mit den kleinen Erfolgen ist: Sie sehen selten spektakulär aus. Aber sie verändern oft mehr als die großen. Ich meine, warum klopfen wir uns für zehn Kilo Gewichtsverlust auf die Schulter, aber nicht dafür, überhaupt wieder angefangen zu haben? Warum glauben wir, ein Sieg müsse immer spektakulär sein? Vielleicht, weil kleine Siege keine Urkunde bekommen.

Ich habe durchgehalten

Neulich fragte mich jemand, wie mein Tag war. Und wisst ihr was? Ich habe einfach nur einen Montag überlebt. Klingt nicht besonders beeindruckend? Für manche Menschen vielleicht nicht. Für andere ist das jedoch eine olympische Disziplin. Denn Montage haben eine ganz besondere Eigenschaft: Sie kommen immer ungefragt. Sie reißen einen aus dem Wochenende, aus dem Ausschlafen, aus der Illusion, man hätte sein Leben komplett im Griff. Montagmorgens blickt man auf einen Zettel voller Verpflichtungen, der aussieht wie der Einkaufszettel einer Großfamilie. Das E-Mail-Postfach quillt über, das Telefon klingelt und noch bevor man sich wieder halbwegs im Büro eingefunden hat, möchte bereits jemand etwas von einem. Und manchmal besteht der größte Erfolg eines Tages einfach darin, nicht komplett die Nerven zu verlieren. Nicht zu kündigen. Nicht auszuwandern. Nicht das Handy aus dem Fenster zu werfen. Sondern einfach weiterzumachen. Schritt für Schritt.

Die gefährlichste Erfindung der Menschheit: Mache ich morgen

Es gibt keine Siegerehrung für „Heute die Waschmaschine ausgeräumt, bevor die Wäsche drei Tage darin vergessen wurde“. Kein Tusch für „Endlich die Glühbirne gewechselt“. Und leider auch keinen Pokal für „Seit zwei Monaten versucht, die Schublade aufzuräumen und heute tatsächlich geschafft“. Dabei sind genau das oft die Dinge, die uns das Leben leichter machen. Wer ständig auf den großen Durchbruch wartet, übersieht leicht die kleinen Haken auf der To-do-Liste, die jeden Tag ein bisschen Ballast verschwinden lassen. Die gute Nachricht: Ordnung entsteht genauso. Nicht durch einen perfekten Masterplan. Nicht durch Motivation, die plötzlich vom Himmel fällt. Sondern durch kleine Schritte. Eine Aufgabe. Zehn Minuten. Ein Haken.

Die Fünf-Minuten-Regel

Mein persönlicher Trick ist inzwischen denkbar simpel: Wenn mich etwas weniger als fünf Minuten kostet, mache ich es sofort. Klingt unspektakulär, funktioniert aber erstaunlich gut. Denn fünf Minuten hier, fünf Minuten dort und plötzlich hat man Dinge erledigt, die man gedanklich seit Wochen mit sich herumträgt. Und falls heute nicht alles klappt: Auch gut. Man muss nicht jeden Tag die Welt retten. Manchmal reicht es vollkommen, die Spülmaschine auszuräumen, den Brief zu öffnen oder einfach nur besagten Montag zu überleben. Und wenn das geschafft ist, darf man ruhig kurz stolz auf sich sein. Denn kleine Siege bekommen vielleicht keine Urkunde. Aber sie verändern oft mehr, als wir glauben.

Am Ende ist es doch so: Wir warten oft auf den einen großen Moment. Auf den Tag, an dem plötzlich alles besser wird, alles geordnet ist und wir uns endlich angekommen fühlen. Aber die Wahrheit ist: Das Leben passiert meistens dazwischen. In den Tagen, in denen wir einfach weitermachen. In den Entscheidungen, die niemand bemerkt. In den Schritten, die zu klein erscheinen, um wichtig zu sein. Und vielleicht sind genau diese kleinen Schritte der Grund, warum wir irgendwann zurückblicken und feststellen: Es hat sich doch etwas verändert.

Große Erfolge erzählen zwar gute Geschichten. Kleine Erfolge wiederum verändern unser Leben. Nur merkt man das meistens erst hinterher.

Melanie.hartmann@live-magazin.de

 

 

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