Eine Stiftung, ein Verein, das Saarbrücker Tierheim und eine ganz besondere Frau

Der Name Bertha Bruch ist mit Sicherheit einer der Geläufigsten in Saarbrücken, wenn vielleicht auch nur eine Minderheit wirklich weiß, welche spannende Persönlichkeit und welche interessante Geschichte dahinter stecken und bis heute Bedeutung haben – und damit ist nicht die Brauerei ihrer Familie gemeint. Das nach ihr benannte Tierheim hatte erst Anfang des Jahres für leider wenig erfreuliche Schlagzeilen gesorgt. Schuld war mal wieder das liebe Geld, wie der Vorsitzende des Tierschutzvereins Makus Dick zu berichten weiß, den wir natürlich zum Gespräch vor Ort getroffen haben.

Aber der Reihe nach. Beginnen wir ganz am Anfang mit dem 11.11.1856, jenem Tag an dem Bertha Maria Bruch in eine der bekanntesten Saarbrücker Familien hinein geboren wird. Sie war die Tochter von Jakob Balthasar Bruch, der als Urenkel des Gründers Johann Daniel Bruch die Saarbrücker Bruch-Brauerei 1863 übernommen hatte. Allerdings hatte ihr weiteres Leben, bis auf ihren luxuriösen Lebensstil, wenig bis gar nichts mit dem einer Tochter aus gutem Hause gemeinsam, wie die Gesellschaft sich das damals vorstellte. Schon als junge Frau zeigte sich ihre ungewöhnlich freigeistige Einstellung zu Normen und Konventionen des ausgehenden 19 Jahrhunderts. Weil ihr damals als Frau der Zugang zum Kunststudium nicht möglich war, nutze sie das Vermögen ihrer Familie für eine private Ausbildung bei damals bekannten Künstlern.

Schließlich als talentierte Portraitmalerin anerkannt und geschätzt, war sie dann um die Jahrhundertwende  besonders aktiv. Sie porträtierte Familienmitglieder und zahlreiche Saarbrücker Bürger, in deren Privatbesitz sich auch bis heute die meisten ihrer Werke befinden. Zu dieser Zeit hatte sie sich bereits im traditionsreichen Haus „Zum Stiefel“ am St. Johanner Markt ein eigenes Atelier eingerichtet. Das Gebäude hatte sie kurz zuvor gemeinsam mit ihren beiden unverheirateten Schwestern Luise und Lotte geerbt und die drei alleinstehenden Damen lebten auch dort. Das entsprach genau so wenig den damals üblichen Gepflogenheiten wie die Tatsache, dass Bertha finanziell offenbar so unabhängig war, dass sie nicht auf eine Ehe oder einen bürgerlichen Beruf angewiesen war und sogar ganz offen eine langjährige Beziehung zu einem Lebensgefährten führen konnte. Nach dessen Tod 1925 setzte sie sogar durch, dass er dennoch im Familiengrab auf dem St. Johanner Friedhof beigesetzt wurde.

Neben der Kunst galt ihr besonderes Engagement schon in jenen Jahren dem Tierschutz und dem 1924 gegründeten Tierschutzverein, dem sie dann 1928 einen nicht unerheblichen Teil ihres Besitzes stiftete, Zu diesem Vermögen gehörte unter anderem das sogenannte Silbereisenhaus am heutigen Folsterweg. Hier entstand eine erste Einrichtung, die kranke sowie herrenlose Hunde und Katzen aufnehmen und versorgen sollte. In der Stiftungssatzung legte Bertha zudem ausdrücklich fest, dass die Leitung des Heims einer „tierfreundlichen alleinstehenden Frau“ anvertraut werden müsse – ein bemerkenswerter Passus, der aus heutiger Sicht überraschend modern wirkt und viel über ihre Einstellung verrät. Bei der Einrichtung der Stiftung machte Bertha Bruch außerdem klar, dass sie sich nicht damit begnügte, dem Tierheim einfach finanzielle Mittel zu hinterlassen. Sie knüpfte die Stiftung an genaue Vorstellungen darüber, wie die Einrichtung geführt werden sollte und sicherte sich selbst das Recht, zu ihren Lebzeiten den Vorsitz oder zumindest den stellvertretenden Vorsitz des Vereinsvorstands zu übernehmen. Damit zeigte sie deutlich, dass sie nicht nur als großzügige Geldgeberin auftreten wollte, sondern aktiv darauf achten wollte, dass ihre Ideen und Prinzipien im Alltag des Tierheims tatsächlich umgesetzt wurden.

 

L!VE: Herr Dick, wie präsent ist die Stifterin heute noch im Tierheim? Hängt hier denn irgendwo ein Bilder ihrer Stifterin?

Markus Dick: „Ja, natürlich gibt es ein Bild von Frau Bertha Bruch. Wie ich grade sehe, hängt es leider nicht im Büro an seinem Platz. Bei der kürzlichen Renovierung wurde es abgehängt und vergessen wieder aufzuhängen. Ich werde es gleich wieder an seinen Platz hängen. Frau Bruch war eine unerschrockene und durchsetzungsstarke Frau, die ihr Leben ganz dem Tierschutz gewidmet hat. Sie ist die Gründerin der Berta-Bruch-Stiftung und des Tierschutzvereins. Hier oben auf dem Berg neben dem Gelände des heutigen Tierheims hat sie das Silbereisen Haus betrieben, um dort verwaiste und herrenlose Tiere aufzunehmen. Sie hat sie dort versorgt und ihnen geholfen, das waren die Anfänge. Sie hat das dann lange Zeit gemacht bis hin, zur Gründung der nach ihr benannten Stiftung mit dem Ziel, dass das das Vermögen beisammen bleibt. In der Folge wurde der Tierschutzverein 1924 e.V., Saarbrücken und Umgebung, wie er offiziell heißt gegründet, und später auch das Gelände hier erworben, wo 1957/58 dann das Tierheim entstanden ist. Das hat sie aber leider nicht mehr erlebt, da sie 1940 in Kassel verstorben ist.“

Ein Blick in die aktuelle Satzung des Tierschutzvereins macht zudem deutlich, wie eng das Vermächtnis Bertha Bruchs mit dem Verein heute noch verknüpft ist: Sollte der Verein einmal aufgelöst werden oder seine steuerbegünstigten Zwecke verlieren, würde das gesamte Vereinsvermögen – sofern die Stiftung zu diesem Zeitpunkt noch existiert – zurück an die Bertha‑Bruch‑Stiftung fallen. Damit wird klar: Fast ein Jahrhundert nach Bertha Bruchs Tod ist ihr Name nicht nur Erinnerung, sondern weiterhin mit realem Besitz und den Strukturen des Saarbrücker Tierschutzes verbunden.

 

 

L!VE: Angeblich hatte sie in der Stiftungssatzung auch festgelegt, dass die Leitung des Tierheims immer in den Händen einer alleinstehenden Frau liegen solle?

MD: „Dies war wohl Inhalt der Gründungssatzung der Berta-Bruch-Stiftung. In der aktuellen Satzung des Tierschutzverein 1924 e. V. Saarbrücken und Umgebung, der Träger des Bertha-Bruch-Tierheim ist, findet sich so eine Regelung natürlich nicht. Es ist eine schwierige Sache, das richtige Personal zu finden. Viele Leute haben ganz falsche Vorstellungen darüber, wie die Arbeit hier zu leisten ist und was an Arbeit anfällt. Die Tierheimleitung ist im Verein angestellt, dem Vorstand unterstellt und ist verantwortlich für den täglichen Betriebsablauf im Tierheim. Wir schauen alle gemeinsam, dass alles funktioniert und so greift hier ein Zahnrädchen ins andere und der Laden funktioniert.“

 

L!VE: Die Stiftung hat aber bis heute Bestand?

MD: „Die existiert natürlich noch und ist Teil eines stellenweise schwierigen Konstrukt. Es gibt wie gesagt einmal den Tierschutzverein 1924 e.V., dann gibt es die Berta Bruch Stiftung und dann noch das Tierheim, welches durch den Tierschutzverein betrieben wird. Im Grunde genommen ist das ja alles eins, aber das ist ein gewisser Formalismus, der es manchmal nicht so einfach macht. Gut ist halt auf jeden Fall, dass das Stiftungsvermögen sicher ist.“

Zu Beginn des Jahres hatte sich die Lage für Fundtiere im Regionalverband Saarbrücken grundlegend verändert: Das Bertha‑Bruch‑Tierheim konnte keine neuen Tiere mehr aufnehmen, sodass Städte und Gemeinden gezwungen sind, selbst Lösungen zu organisieren. Die Landeshauptstadt musste bereits mehr als ein Dutzend Tiere anderweitig unterbringen – im Notfall sogar im Saarbrücker Wildpark. Hintergrund war das Ende des bisherigen Tierbetreuungsvertrags zwischen dem Regionalverband und dem Tierheim. Diese Vereinbarung lief am 31. Dezember 2025 aus und regelte bislang, dass das Tierheim die gesetzlich vorgeschriebene Versorgung und Unterbringung von Fundtieren übernimmt. Dafür erhielt es finanzielle Mittel, die allerdings nicht kostendeckend gewesen sein sollen. Seit dem 1. Januar gilt deshalb eine neue Praxis: Fundtiere werden nicht mehr direkt ins Tierheim gebracht, sondern müssen zunächst beim Ordnungsamt oder den jeweiligen Kommunen abgegeben werden.

 

 

L!VE: Apropos Vermögen, das liebe Geld hat ja leider zu Beginn des Jahres für Schlagzeilen gesorgt?

MD: „Das war sehr, sehr, sehr schwierig. Es ist Aufgabe der Städte und Gemeinden, Fundtiere aufzunehmen und zu versorgen, auch tierärztlich. Natürlich, man hat da riesengroße Kosten. Wenn die Kommunen sich ein eigenes Tierheim bauen müssten, würde die Kostensituation noch anders aussehen. Wir haben hier Kosten von 1,2 Millionen € pro Jahr und das funktioniert nur, weil wir hier unsere vielen Ehrenamtlichen haben, inklusive der Vorstände, die hier arbeiten. Wenn jetzt die Städte und Gemeinden das in Eigenregie machen müssten, dann würde so ein Tierheim 5 Millionen € kosten oder noch mehr, das muss man auch ganz klar so sehen, ganz genauso wie das, was hier von uns geleistet wird. Wir hatten in den fünf Jahren Vertrag des letzten Vertrags aus unserer Tasche mehr als 2,5 Millionen € aufgewendet. Das ist Geld, was die Städte und Gemeinden eigentlich hätten zahlen müssen. Dann mussten wir sagen, wir können das nicht mehr so weiter machen, sonst gehen wir bankrott. Das Tierheim soll es aber länger als noch mal nur 102 Jahre geben. Das hätten wir nicht tun müssen, aber wir machen Tierschutz, da geht es um lebendige Individuen. Dann haben wir gesagt okay, wir können keinen neuen Vertrag mehr unterzeichnen, aber wir machen Einzelabrechnungen. Mittlerweile haben wir uns jetzt entsprechend ausgerichtet und aufgestellt, so dass es funktioniert, dass wir überleben. Wir haben uns geeinigt und arbeiten nun gut zusammen.“

 

L!VE: Als Einnahmequellen kommen sonst nur die Mitgliedsbeiträge und Spenden in Frage, oder?

MD: „Genau. Also der Mitgliedsbeitrag ist sehr günstig. Damit alleine können Sie hier nicht so viel bewegen. Der größte Teil sind Spenden. Egal ob das jetzt viele kleine Spenden, mittlere Spenden oder ob das Erbschaften sind. Wir sind darauf angewiesen, dass wir von Zeit zu Zeit eine Erbschaft bekommen. Das ist natürlich eine traurige Sache, weil das bedeutet, dass da jemand verstorben ist. Das ist ja eigentlich eine traurige Sache, doch auf der anderen Seite wollte dieser Mensch ja was Gutes tun und hier dem Tierheim helfen. Man sieht das also immer mit einem weinenden Auge und einem lachenden Auge. Aber das Tierheim profitiert davon und nur so kann das Tierheim halt überleben.“

 

L!VE: Die Bedeutung der ehrenamtlichen Helfer ist nicht hoch genug einzuschätzen, oder?

MD: „Ohne ehrenamtliches Engagement könnte man das hier überhaupt nicht stemmen. Wir haben hier ganz viele Ehrenamtliche, sie kümmern sich um die Katzen, um Hunde, um die Kleintiere. Und auch der Vorstand arbeitet ehrenamtlich und hat zusätzlich noch weitere Aufgaben. Wir suchen aber aktuell wieder viele ehrenamtliche Helfer und Leute, die sich hier einbringen möchten. Sie sind herzlich eingeladen Kontakt mit uns aufzunehmen. Sich hier ehrenamtlich zu engagieren, sei es als Gassi-Geher oder bei den Katzen oder auch bei den Kleintieren, ist allerdings nicht ganz so einfach, da wir sehr großen Wert auf Sicherheit legen müssen – für Mensch und Tier. Daher machen wir vorher auch Gassi-gehen-Schulungen. Zu den Ehrenamtlichen kommen dann noch 13 Festangestellte, sowohl als Vollzeit als auch Teilzeit und im Moment noch zwei Minijobber. Aber egal ob angestellt oder Ehrenamt, das Herzblut und das Engagement, das können Sie eigentlich mit Geld nicht bezahlen. Wenn hier ein neue Mitarbeiter kommen, sage ich immer: das ist kein normaler Job, hier hängen Lebewesen dran und da muss man mit dem Herz dabei sein. Es als Job oder normalen Beruf zu betrachten, das wird nicht funktionieren, egal in welchem Bereich.“

 

L!VE: Wie war denn ihr persönlicher Weg in den Tierschutz?

MD: „Das war so die übliche Geschichte. Mein Hund ist gestorben und das war ganz, ganz furchtbar, weil er ein echtes Familienmitglied war. Und dann habe ich gesagt: nee, ich möchte keinen Hund mehr haben und ich verkrafte das nicht mehr, wenn er stirbt. Mein Vater hatte dann gesagt: Komm, wir gehen mal ins Tierheim, das war so vor 20 Jahren, und weil er immer wieder davon angefangen hat, dann bin ich mitgegangen. Schließlich habe ich dann gefragt, ob sie hier Hilfe gebrauchen könnten und hab mich dann nach und nach eingebracht. Ich habe eine soziale Kompetenz, vielleicht auch so ein bisschen Helfersyndrom, und bin jetzt seit 12 Jahren Vorsitzender.“

 

L!VE: Besten Dank für Ihre Zeit und die interessanten Einblicke, Herr Dick, und natürlich auch für den unermüdlichen  Einsatz von Ihnen und Ihrem Team für die Tiere!

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