Hallo Mikrokosmonauten: Sonnenuntergänge sind keine Uhrzeiten

Kennt ihr das? Kaum zeigt das Thermometer mehr als 25 Grad, benehmen wir uns plötzlich wieder wie Anfang zwanzig. Wir schlafen weniger, feiern länger, trinken noch „nur einen“ und führen um halb vier morgens Gespräche, die sich anfühlen, als würden wir dafür wahrscheinlich einen Termin beim Therapeuten machen. Im Sommer nennen wir es einfach: Samstag. Und ich stelle mir die Frage:

Was macht der Sommer bloß mit uns?

Warum fühlen sich drei Wochen Sommer manchmal intensiver an als der komplette Rest des Jahres? Warum verliebt man sich schneller? Warum entstehen Freundschaften innerhalb eines einzigen Abends? Warum hat plötzlich jeder Lust auf Sonnenuntergänge, Festivals und das völlig absurde Gefühl, dass man morgen sowieso ausschlafen kann?

Neulich erzählte mir jemand von einem Abend, der eigentlich ganz harmlos beginnen sollte. „Ich trinke nur ein Wasser“, sagte er selbstbewusst. Drei Stunden später tanzte er mit wildfremden Menschen auf einer Bierbank, diskutierte mit einem Italiener über die beste Carbonara der Welt und versprach einer älteren Dame, sie nächsten Sommer auf ihrer Vespa durch die Toskana zu begleiten. Telefonnummern wurden ausgetauscht. Instagram ebenfalls. Am nächsten Morgen wusste er nicht einmal mehr, wie die Dame hieß. Aber die Einladung in die Toskana stand offenbar immer noch.

Willkommen im Sommer

Und dann kommt der Montag. Man wacht auf, schaut in den Spiegel und fragt sich kurz, ob man die letzten 48 Stunden vielleicht doch nur geträumt hat. Der Körper verlangt nach Wasser, Vitaminen und einem Wochenende. Trotzdem würden wir es wahrscheinlich wieder genauso machen. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis. Der Sommer erinnert uns nämlich daran, dass wir nicht nur funktionieren. Nicht nur arbeiten, Termine koordinieren und Wäsche waschen. Sondern dass wir auch spontan sein dürfen. Verrückt. Albern. Emotional. Vielleicht sogar ein bisschen durchgeknallt.

Der Soundtrack eines Sommers

Im Sommer ist nicht alles perfekt. Aber wir erlauben uns, für ein paar Wochen ein bisschen weniger vernünftig zu sein. Bis der Herbst kommt und wir wieder so tun, als hätten wir unser Leben jederzeit komplett im Griff gehabt. Und trotzdem sind es genau diese Wochen im Sommer, die uns später erzählen, wer wir einmal waren.

Udo Lindenberg singt in „Ich würd’s wieder genauso tun“ sinngemäß genau davon: Es geht nicht darum, ein fehlerfreies Leben geführt zu haben. Sondern darum, sich mit seiner eigenen Geschichte zu versöhnen. Mit den Höhen genauso wie mit den Abstürzen. Mit den falschen Abzweigungen genauso wie mit den richtigen Entscheidungen. Denn am Ende gehören sie alle zu dem Menschen, der wir heute sind. Der wahre „Sommer unseres Lebens“ ist mitnichten perfekt! Er ist vielmehr der, in dem wir gelebt haben. Mit Ecken, Kanten, Sonnenbrand, Herzklopfen, kleinen Katastrophen und großen Erinnerungen. Und wenn irgendwann der Herbst kommt, hoffen wir, dass wir lächelnd sagen können: Ich würde es wieder genauso tun. Und weil jeder Sommer seinen eigenen Soundtrack braucht, gibt es hier noch mein völlig subjektives Ranking der Songs, die diesen Sommer wahrscheinlich noch in zehn Jahren sofort Kopfkino auslösen werden:

Platz 1: HUGEL & SOLTO – Jamaican Bam Bam – Spätestens nach den ersten Takten möchte man seinen Schreibtisch gegen eine Strandbar eintauschen. Leider macht der Chef da nicht immer mit.

Platz 2: KitschKrieg feat. Blumengarten & Shirin David – Gut genug – Der perfekte Song für alle, die sich vorgenommen haben, diesen Sommer endlich weniger nachzudenken, und fünf Minuten später trotzdem wieder das komplette Leben zu analysieren.

Platz 3: Harry Styles – American Girls – Klingt nach Cabrio, Sonnenbrille und Küstenstraße. Selbst wenn man in Wahrheit mit 20 km/h hinter einem Traktor durchs Saarland tuckert.

Platz 4: Shakira & Burna Boy – Dai Dai – Der Song, bei dem man plötzlich der festen Überzeugung ist, dass man tanzen kann. Selbst dann, wenn Außenstehende eher einen medizinischen Notfall vermuten.

Platz 5: Tame Impala – Dracula – Kein Song – eher ein Zustand. Man hört ihn einmal und sitzt plötzlich um halb zwei nachts mit einem Getränk in der Hand da und philosophiert über das Leben, obwohl der Wecker um sechs klingelt.

Machen wir uns nichts vor: Während wir im Januar Ingwertee trinken, unsere Schritte zählen und uns vornehmen, endlich vernünftig zu werden, halten wir im August plötzlich ein Eis oder einen Aperol in der Hand und sagen Sätze wie: „Ach komm, eine Stunde geht noch.“ – wohl wissentlich, dass es in den seltensten Fällen bei einer Stunde bleibt. Der Sommer hat eben eine ganz besondere Eigenschaft: Er löscht unseren inneren Kalender. Und man kann ihn sich angewöhnen. Indem man auch im Oktober noch draußen sitzt, obwohl es eigentlich zu kalt ist. Indem man sonntags spontan losfährt. Und indem man sich hin und wieder erlaubt, all die Pflichten einfach auszuschalten. Der nächste Sommer kommt nämlich sowieso. Die Frage ist nur, ob wir dann wieder mutig genug sind, ihn genauso zu leben.

Ist es uns das wert? Absolut!

Was war euer Sommermoment? Der Sonnenuntergang, der eigentlich nur fünf Minuten dauern sollte? Der spontane Roadtrip? Das Festival? Der Urlaub? Oder vielleicht einfach dieser eine Abend, der völlig unspektakulär begann und am Ende unvergesslich wurde? Vielleicht landet eure Geschichte ja irgendwann zwischen den Zeilen.

Melanie.hartmann@live-magazin.de

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