Franz Schmidt aus Spiesen – einmal Hollywood und zurück
Franz Schmidt kam auf ungewöhnlichem Weg zur Kunst: In den 1980er-Jahren war er Profischlagzeuger und zeichnete nebenbei. 1989 ging er nach New York, um Musik zu machen. Doch ein Comic, den er für seine Band gezeichnet hatte, weckte das Interesse eines Produzenten aus Los Angeles. Ein Jahr später zog Schmidt nach Hollywood – und machte sein Hobby zum Beruf.
In einem Spezialgeschäft am Santa Monica Boulevard lernte er die Freihand-Airbrushtechnik. Seine ersten Aufträge waren ungewöhnlich: Mit Lebensmittelfarbe gestaltete er Porträts und andere Motive auf übergroßen Kuchen. Bald zählten auch Plattenfirmen, Filmstudios und Prominente zu seiner Kundschaft. Schmidt bildete sich in Airbrush-Workshops weiter und studierte Kunst und Design am Los Angeles City College. Es folgten Illustrationen auf T-Shirts, Lederjacken, CD-Covern, Fassaden und Autos sowie Comics, Cartoons und Porträts.
1994 kehrte er nach Europa zurück. Nach 14 Jahren in Lothringen lebt er heute wieder im Saarland. Zu seinen Auftraggebern gehörten unter anderem Mercedes-Benz, die Bundeswehr, der SR, Media Markt, Energis, Karlsberg und Vodafone.
In seinem Atelier Bilderschmied in Spiesen entstehen heute Illustrationen, Airbrush-Arbeiten, Wandbilder, Karikaturen sowie Illusions- und Fassadenmalerei. Als Schnellzeichner und Kursleiter gibt Schmidt sein Können auch weiter. Und die Musik? Die hat er nie aufgegeben: Bei den Burning Hobos sitzt er weiterhin am Schlagzeug.
Wie Franz Schmidt durch ein ungewöhnliches Vorstellungsgespräch zum Airbrush kam, was Ed Sheeran mit einem Flipper zu tun hat und weshalb ein Wandbild der beste Graffitischutz sein kann, erzählt er im Gespräch mit L!VE.
L!VE: Musiker, Flipperdesigner, Airbrush-Künstler, Wandmaler, Schnellzeichner, Karikaturist und, und, und – über zu wenig Talente kannst du dich nicht beklagen.
Franz Schmidt: „Gut. Ja. Wenn man sonst nichts kann, macht man so was.“
L!VE: Für deine Entwicklung war entscheidend, dass du der Musik wegen in die USA gegangen bist?
Franz Schmidt: „Das war der ausschlaggebende Punkt. Man geht ja in die USA, um Rockstar zu werden. Ist ja klar. Sonst gibt es keinen Grund, als Musiker da hinzugehen. Na ja, wenn das mit dem Rockstar nicht so hinhaut, wie das bei 99 Prozent der Musiker dort der Fall ist, dann macht man was anderes. Bei mir war das halt das Ding mit den Kuchen. Das war wirklich ein super Zufall. Ich hab mal versucht, den Laden oder den Typen noch mal im Internet zu finden, aber Fehlanzeige. Das war ja alles in dieser Prä-Internet-Ära, da findest du nichts mehr darüber, gar nichts. Der Kuchenladen existiert nicht mehr, und auch den Typen, Roger Rodriguez, findet keine Sau mehr. Alles spurlos verschwunden.“
L!VE: Wie bist du denn an den Job gekommen?
Franz Schmidt: „Da gab es die Jobfactory. Du zahlst 50 Dollar, dann suchen die dir einen Job. Wenn sie keinen finden, kriegst du die 50 Dollar zurück. Das klang fair, dachte ich, und bin da hin. Die wollten dann, dass ich aufschreibe, was ich kann. Was du studierst oder so, das interessierte die nicht. Nur, was du kannst. Also habe ich geschrieben: Fremdsprachen, Schlagzeug spielen, Malen. Und dann rufen die irgendwann an und geben mir eine Adresse auf dem Santa Monica Boulevard. Die haben mir nicht gesagt, was das ist. Gar nichts. Nur eine Adresse. Da bin ich dann hingefahren. Okay, eine Bäckerei: „Exotic Cakes“. Und dann war da dieser Typ, ein Mexikaner namens Roger. Er brauche dringend einen Künstler, erzählte er gleich. Sein bisheriger sei halt so ein Junkie und immer unzuverlässiger. Und dann hat er mich gefragt: „Can you draw naked women?“ Ich sage Ja, und er sofort: „Draw one.“ Das hab ich dann gemacht und er gleich: „Okay, you can work here.“ Das war echt das geilste Vorstellungsgespräch überhaupt. Ein bisschen Schiss hatte ich vor dem Ding mit dem Airbrush. Das hatte ich ja noch nie gemacht, und ich dachte, das kriege ich nie hin. Hat aber trotzdem geklappt. Es war allerdings eine harte Schule: Wenn der Luftdruck nicht gestimmt hat und du einmal zu nah an die Buttercreme gekommen bist, flog dir das ganze Teil um die Ohren.“
L!VE: Kuchen machst du heute keine mehr. Dafür hast du vor Kurzem einen Flipper für Ed Sheeran gestaltet?
Franz Schmidt: „Das kam über Pinball Dreams. Für die mache ich öfter Designs, wenn es brennt oder besonders wichtig ist. Das Tourmanagement von Ed Sheeran hatte sie kontaktiert, und ich habe gleich angefangen zu recherchieren. Parallel dazu wurde das Tourmanagement gebeten, alles zu schicken, was für die Gestaltung hilfreich sein könnte. Alles Mögliche über seine Freunde, seine Lieblingsmusiker, wie er arbeitet und so weiter. So persönliche Dinge, die vielleicht noch nicht jeder weiß, er aber gleich erkennt. Zum Beispiel, dass er völlig analog ist und eine ausgewachsene Zettelwirtschaft betreibt. Er schreibt die ganzen Songtexte und Notizen dazu auf kleine Zettel. Ich mache dann die ersten Skizzen. Die kriegen die Kunden und sagen dann: Da muss aber der und der Typ noch rein. Und der Fußball muss noch rein und was weiß ich. Das grundsätzliche technische Layout ist sowieso vorgegeben. Das ist ja ein alter, restaurierter Flipper, ein Teil aus den 60er- oder 70er-Jahren. Wo die Bumper und die Lanes sind und das ganze Zeug, steht natürlich fest.“
L!VE: Und? Hat er sich gefreut?
Franz Schmidt: „Die ursprüngliche Idee für die Übergabe war super: Wir bringen das Ding nach Irland und stellen es in Ed Sheerans Lieblingskneipe. Der kommt rein und weiß von nix. Aber das war natürlich zu aufwendig. Dann hieß es: letztes Konzert der Europatour in Düsseldorf, Übergabe nach dem Konzert. Also gut, denke ich, dann ist er voll entspannt und wir können vielleicht sogar ein Bier zusammen trinken. Aber nix is’, schon wieder Planänderung: Er macht das vor dem Konzert. Was? Vor dem Konzert? Der Typ spielt vor 65.000 Leuten, ist voll fokussiert, und dann sollen wir ihn stören. Schließlich hieß es: nur fünf Minuten mit Ed Sheeran. Trotzdem hat er sich gefreut. Er war den Umständen entsprechend angestrengt. So hatten wir halt unsere fünf Minuten und haben Videos und Fotos gemacht, die aber immer noch nicht freigegeben sind. Das war letztes Jahr. Ja, die vom Tourmanagement sind seltsam, muss ich ehrlich sagen. Eine Frau dort war ganz in Ordnung. Aber ansonsten waren das schon eigenartige Menschen.“
L!VE: Deine Arbeiten sind oft Aufträge, die eigens an dich vergeben werden und viel Aufmerksamkeit bekommen. Bleibt daneben Zeit für eigene Projekte?
Franz Schmidt: „Ich habe noch keine Bilder, die in Galerien ausgestellt werden. Da hatte ich zwar schon so viele Anfragen, aber ich komme einfach nicht dazu. Ich würde schon mal gern was für mich machen. Aber entweder habe ich gar keine Lust, weil ich die ganze Zeit schon so viel gemalt habe, oder ich komme nicht dazu. Eins von beiden ist meistens der Fall. Aber ich habe mir schon ein paar Projekte vorgenommen. Zum Beispiel die Wand da hinten, die Wand vom Kindergarten. Das ist ja eigentlich ein Kinderbuch, das ich illustrieren wollte. Da habe ich das Kinderbuch einfach an die Wand gemalt. Das werde ich jetzt noch mal neu illustrieren und will das Kinderbuch auch veröffentlichen. Ich habe noch ein anderes Kinderbuch in der Schublade. Das will ich ebenfalls fertig machen und dann zwei Kinderbücher rausbringen. Ob das nächstes Jahr alles funktioniert, weiß ich nicht, aber ich versuche es.“
L!VE: Du betonst, dass Airbrush kein eigener Stil ist, sondern eine Technik.
Franz Schmidt: „Genau. Das ist nur eine Art, Farbe aufzutragen. Bei einer strukturierten Wand und für manche Hintergründe ist das einfach das Beste. Man kann natürlich auch mit dem Pinsel arbeiten und gute Resultate erzielen, aber ich mag es halt. Ich arbeite gern damit und habe das Ding gut im Griff. Ich arbeite auch mit transparenten Farben. Das ist eigentlich eine Lasurtechnik, die von der Ölmalerei kommt. Also zum Beispiel Rembrandt: Der hat, glaube ich, kein einziges Braun verwendet, obwohl unheimlich viel Braun in seinen Bildern ist. Das sind alles Schichten aus verschiedenen lasierenden Tönen, bis er die ganzen Nuancen und die Tiefe bekommt, die er haben will.“
L!VE: Manchmal greifst du aber auch zur Spraydose?
Franz Schmidt: „Mit den Dosen bist du schon ein bisschen limitiert. Ich bin kein Spraydosenexperte, das mache ich noch nicht so lange. Ich verwende sie relativ rudimentär für größere Flächen. Aber ich versuche, das mit der Dose ein bisschen zu vertiefen. Bei dem einen Bild im Schwimmbad des Hotels am Triller habe ich auch viel mit der Dose gemacht und große Flächen angelegt. Das ist schon interessant, macht halt einen Haufen Müll.“
L!VE: Mit der Graffitiszene hast du ansonsten wenig Berührung, oder?
Franz Schmidt: „Ich bin überhaupt nicht in der Graffitiszene drin und hatte bis jetzt auch kein Problem damit, übersprüht zu werden. Guck mal, dieses alte Bild – ich glaube, das erste, das ich in Saarbrücken gemacht habe, als ich hierhergezogen bin. Das ist in der Straße des 13. Januar gegenüber vom Schwamm. Das Bild gibt es dort seit 1998, und es ist nichts draufgesprüht worden. Natürlich bin ich nicht dagegen gefeit, da gibt es keine Garantie. Aber eigentlich ist ein Wandbild der beste Graffitischutz. Wobei ich das, was nachts schnell irgendwo hingesprüht wird, nicht Graffiti nennen will. Das wäre ja fast beleidigend für echte Graffitikunst.“
L!VE: Woher beziehst du deine Inspiration?
Franz Schmidt: „Darüber mache ich mir schon lange keinen Kopf mehr. Ich habe irgendwie gemerkt, dass das Unterbewusstsein die meiste Arbeit ganz von allein erledigt. Da muss man nur ein bisschen Vertrauen haben. Wenn einem nichts einfällt, geht man mal in den Wald oder spielt mit den Jungs Tischtennis oder macht sonst irgendwas völlig anderes. Keine Panik, irgendwann kommt ein guter Gedanke. Es gibt einfach Tage, da läuft es nicht. Inzwischen erkenne ich die. Damit muss man dann halt leben. Man ist nicht immer gleich produktiv. Bei Auftragsarbeiten kann das schwierig werden, wenn mir im Moment einfach nichts einfällt. Aber manchmal kommen die Leute auch mit mehr oder weniger konkreten Vorgaben. Zum Beispiel demnächst beim Calypso: Die haben ein Maskottchen, das soll da drauf. Da musste ich mir eigentlich nur Gedanken über die Umgebung des Maskottchens machen und darüber, wie es eingebunden wird. Die Hälfte ist also schon da. Das ist bei Auftragsarbeiten öfter so. Aber manchmal heißt es auch einfach: Mach Entwürfe und präsentiere die.“
L!VE: Welche Projekte liegen dir als Nächstes besonders am Herzen?
Franz Schmidt: „Vor Kurzem habe ich mich in Spiesen mit dem Bürgermeister, der Polizei und Vertretern der Fanbetreuung der SV Elversberg zusammengesetzt. Seit die SVE in der Bundesliga spielt, gibt es vermehrt Schmierereien. Da haben wir ein Projekt angedacht, bei dem ich diese Fansprayer anleite. Dass die nicht nachts rumlaufen und irgendeinen Scheiß sprühen, sondern tagsüber was Gutes machen! Ich möchte denen ein paar Sachen zeigen, die man auch mit begrenztem Talent hinkriegt, damit diese verunstalteten Wände ein bisschen ansehnlicher werden. Da kann man eigentlich nur gewinnen. Schlimmstenfalls wird es noch mal übersprüht. Aber von wem? Da müssten dann wieder die FC-Fans kommen, aber ob die das machen, ist die Frage. Wir versuchen, das Ganze ein bisschen anspruchsvoller hinzukriegen, damit die Fans – auch die Hools – stolz auf das sind, was sie gemacht haben. Ich finde es toll, so auf sie zuzugehen. Das hat wahrscheinlich mehr Bestand und mehr Sinn, als ständig Reinigungskolonnen loszuschicken.“
L!VE: Das klingt nach einem spannenden und sinnvollen Projekt. Halte uns auf dem Laufenden! Vielen Dank für deine Zeit.

















